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Tom Sawyer in Schwetzingen

Wildwest-Action und Lausbubengeschichten im theater am puls

Mit einem Floß fliehen Tom und Huckleberry über den nächtlichen Mississippi

Nicole Böhm/tap

Zwei Piraten an Bord: Tom und Huck auf der Flucht über den Mississippi.

Wie wird man Warzen los? Huckleberry Finn weiß das – zumindest hat ihm das jemand so erzählt: „Du nimmst eine tote Katze, gehst auf einen Friedhof, wo ein schlechter Mensch begraben liegt und dann kommt der Teufel und wenn er den Kerl holt, dann schmeißt du deine Katze hinterher und sagst: Teufel folg Leiche, Katze folg Teufel, Warzen folgt Katze, ich bin euch los.“ Klingt voll logisch oder?

Abenteuer

So logisch, dass Huck seinen Kumpel Tom Sawyer dazu überredet, diese spezielle Form der Homöpathie einmal auszuprobieren: auf dem Friedhof zu St. Petersburg am Grab des stadtbekannten Bösewichts Williams. Was dann passiert, legt den Grundstein zu einer Geschichte, in der neben den beiden jugendlichen Helden Freundschaft, Loyalität und Mut die Hauptrolle spielen. Denn die beiden werden Zeuge, wie der fiese Indianer-Joe einen Mord begeht und ihn dem arglosen Säufer Muff Potter in die Schuhe schiebt. Ihren mit Blut besiegelten Eid, nichts zu verraten, den die Freunde aus Angst vor der Rache des bösen Schurken schwören, schweißt sie zusammen und lässt sie und das Publikum im theater am puls spannende Abenteuer erleben: Als Piraten auf der Jackson-Insel oder im Gerichtssaal, wo die beiden ihren Eid dann zugunsten der Gerechtigkeit brechen.

Nachts auf dem St. Petersburger Friedhof: Doktor Robinson (Daniele Veterale) bekommt Ärger mit Indianer-Joe (Christoph Kaiser) und Muff Potter (Johannes Szilvassy)

Nicole Böhm/tap

Nachts auf dem St. Petersburger Friedhof: Doktor Robinson (Daniele Veterale) bekommt Ärger mit Indianer-Joe (Christoph Kaiser) und Muff Potter (Johannes Szilvassy)

High Noon

Der Auftakt des Stückes freilich legt zuerst einmal eine falsche Fährte und man könnte meinen bei der in schönster überdrehter Mexican Standoff-Manier inszenierten High-Noon-Prügelei von Tom und Huck stehen sich nicht die besten Freunde gegenüber, sondern zwei Rabauken, die sich aufs Übelste bekriegen. Doch Felix Rieseberg, der auch dieses Mal wieder routiniert den Titelhelden spielt, und Maximilian di Salvo, der als Außenseiter und Freigeist Huckleberry Finn eine beeindruckende Leistung auf den Bühnenboden bringt, beweisen, dass Freundschaft dicker ist als Konventionen und dass man sich auch mal prügeln kann, wenn man sich wieder verträgt.

Kindheitserinnerungen

Eine ganz persönliche Kindheitserinnerung auf die Bühne bringen wollte Regisseur Joerg Mohr dieses Mal – und auch beim Publikum werden sicher Erinnerungen wach: Die berühmte Zaunstreich-Episode, die weltweit sicher bis heute als Musterbeispiel dafür gilt, wie man unliebsame Arbeit mit geschicktem Marketing als absoluten Knaller verkaufen kann, darf in der Schwetzinger Inszenierung natürlich nicht fehlen. Und mit dem Bühnenbild haben Teresa Ungan und Bernd Spielbrink mal wieder gezeigt, dass die kleine Bühne im theater am puls mit wenigen Kniffen so groß werden kann, dass auf einmal selbst der majestätische Mississippi darauf Platz hat – inklusive Piratenfloß, versteht sich.

Prügeln sich gelegentlich: Huckleberry Finn (Maximilian di Salvo) und Tom Sawyer (Felix Rieseberg)

Nicole Böhm/tap

Beste Freunde trotz gelegentlicher Prügeleien: Huckleberry Finn (Maximilian di Salvo) und Tom Sawyer (Felix Rieseberg)

Wildwest im tiefen Süden

Auch sonst ist der Spirit des Heimatlandes von Tom und Huck allgegenwärtig: Mit liebevoll-nostalgischen Videoprojektionen, Wild-West-Ästhetik und entsprechender Kostümierung ist „Tom Sawyer“ auch eine gelungene Hommage an die Spaghetti-Western-Ära, die auch den „Großen“ Spaß macht. Genial inszeniert: Die Trauermesse, die für die beiden totgeglaubten Lausbuben – die sich freilich als quicklebendig herausstellen – abgehalten wird. Da stimmt doch glatt das ganze Publikum in die vom standesgemäß schief gestimmten Saloon-Klavier begleiteten Freudengesänge mit ein.

Ein Herz für Außenseiter

Ein Herz für Außenseiter hatte Mark Twain, der sich die beiden Helden vor über 140 Jahren ausgedacht hat, bekanntermaßen in vielen seiner Werke. So sind es gerade die Außenseiter, die Joerg Mohr auch in seiner Inszenierung des Kinderklassikers besonders am Herzen liegen: Johannes Szilvassy als dauerbetüdelter Dorfschreiner Muff Potter, dem sein Alkoholkonsum fast zum Verhängnis wird oder eben jener Huckleberry Finn, leidgeprüfter Sohn eines Trinkers, ein Streuner und Lebenskünstler, der die Freiheit einer Regentonne jederzeit den eigenen vier Wänden vorzieht. Sie alle sind die heimlichen Helden im Stück, nur Christoph Kaiser muss als rachsüchtig-verschlagener Indianer-Joe mal wieder den Bösewicht mimen – eine Aufgabe, der der Routinier natürlich bestens gewachsen ist.

Und auch die „Guten“ spielen ihre Rollen hervorragend: Klaus Herdel, der im tap-Ensemble sowieso das Abonnement auf skurrile (Frauen-)Rollen hat (man erinnere sich an die Tinkerbell in Peter Pan), spielt die herzensgute Tante Polly so überzeugend, dass man selbst von ihm/ihr in die Backen gekniffen werden möchte. Daniele Veterale gibt als Sheriff den harten Hund mit weichem Kern, brilliert aber auch in weiteren Nebenrollen. Und da ist da noch Lara Krahlisch, die als Becky Thatcher Tom Sawyer abwechselnd Schmetterlinge im Bauch und Gewissensbisse verursacht und die Klaviatur der Rolle von damenhaft zu kratzbürstig meisterlich beherrscht.

Klaus Herdel spielt im theater am puls die Tante Polly

Nicole Böhm/tap

Harte Schale, weicher Kern: Klaus Herdel begeistert als Tante Polly

Randfigur im Rampenlicht

Höhepunkt des Stückes ist aber ohne Zweifel Stefan Ebert, alias Steve. Ganz nach Art des typischen US-Dorfmusikers hat ihn Joerg Mohr an den Bühnenrand gesetzt, von wo aus er mit seiner Gitarre begleitet, kommentiert und erzählt. Das klingt manchmal wie Ennio Morricone, mal wie Neil Young und manchmal wie Udo Lindenberg, aber immer originell und grundehrlich. Und die Songs, die Ebert für das Stück geschrieben hat, gehen so ins Ohr, dass das Publikum zum Finale sogar mitsingt. Denn dass am Ende doch alles gut geht, versteht sich von selbst: Der Unschuldige kommt frei, der Bösewicht hinter schwedische Gardinen und die Gerechtigkeit siegt. Denn zu zweit ist man eben stärker als die Dunkelheit. So wie Frodo und Sam, Tim und Struppi und eben Tom und Huck.

Musiker Stefan Ebert überzeugt als Steve mit Gitarre und Gesang

Nicole Böhm/tap

Stefan Ebert alias Steve gibt den Dorfbarden mit Gitarre.