Wer die Allgäuer Wandertrilogie erläuft, wandelt gewissermaßen auf grenzüberschreitenden Pfaden. Bayern und das Ländle haben gemeinsam einen faszinierenden Fernwanderweg geschaffen, der für all jene, die gerne auf Schusters Rappen unterwegs sind, keine Wünsche offenlässt. Wer ihn vollständig bewältigt, kommt immerhin auf 876 Kilometer, und das auf drei „Etagen“ – vom Tal bis hoch zu den Alpengipfeln. Und jeder einzelne Kilometer lohnt sich. Aber das muss ja nicht alles auf einmal sein. Die Wegabschnitte lassen sich auf die eigene Kondition und die verfügbare Zeit abstimmen. Die drei Etappen der Wiesengänger-Route von Leutkirch bis Wangen faszinieren gerade im Spätfrühling besonders. Der verbindende, sprichwörtliche rote Faden dabei ist in diesem Fall gelb: die von Löwenzahn übersäten Wiesen, die zwar ökologische Puristen nicht goutieren, aber viele, viele Wanderer begeistern, weil sie einfach ein herrlicher Anblick sind. An diesem gelben Faden reihen sich viele kulturelle und kulinarische Perlen auf.

Schloss Zeil

Mein Ländle / Jürgen Gerrmann

Aus der Ferne und aus der Nähe ein beeindruckender Anblick: Schloss Zeil.
Brunnen Schloss Zeil

Mein Ländle / Jürgen Gerrmann

Ein faszinierender Brunnen schmückt den Platz vor dem Schloss Zeil.
Schloss Kißlegg

Mein Ländle / Jürgen Gerrmann

Das Neue Schloss in Kißlegg beherbergt ein Museum mit Werken des Holzbildhauers Rudolf Wachter.
Silberschatz

Mein Ländle / Jürgen Gerrmann

Ein Augsburger Künstler hat den Silberschatz der Kißlegger Pfarrkirche Sankt Gallus und Ulrich geschaffen.
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Denkmäler am laufenden Kilometer

Da sind zum einen die Städt(l)e. Angefangen bei Leutkirch mit seiner malerischen Innenstadt. Im Rathaus aus der Mitte des 18. Jahrhunderts stößt man auf einen beeindruckenden Sitzungssaal, in dem die Stadtväter (und -mütter) unter einer Stuckdecke tagen können. Experten reihen das im 14. Jahrhundert errichtete Gotische Haus in der Marktstraße unter die fünf wichtigsten Denkmäler in Südwürttemberg ein. Und der Pulver- sowie der Bockturm zeugen noch von der Befestigung der einstigen freien Reichsstadt. Nur ein paar Kilometer entfernt von der Altstadt liegt einer der Höhepunkte dieser Wanderung: der prächtige Renaissancebau von Schloss Zeil. Auch wenn es von innen nicht zu besichtigen ist – dort wohnt noch heute die Familie Waldburg-Zeil –, die Anlage ist schon wegen des herrlichen Gartens einen Besuch wert. Nach einigen Veränderungen im Lauf der Jahrhunderte atmet er heute wieder den Geist einer 400 Jahre alten Gartenkultur. Und der Blick von der Terrasse aufs weite Land zu Füßen des Schlosses ist einfach grandios.

Die Wandertrilogie komplett

Die Allgäuer Wandertrilogie umfasst 876 Kilometer, die auf 53 offizielle Etappen in Baden-Württemberg und Bayern verteilt sind. Man kann sie aber natürlich je nach Gusto verkürzen oder verlängern.

Die Wiesengänger-Route führt über 21 Etappen von Marktoberdorf über Bad Wörishofen und Bad Grönenbach, Leutkirch, Wangen, Bolsternang und Durach bei Kempten wieder zurück zum Ausgangspunkt. Auf den 397 Kilometern sind etwas mehr als 6000 Höhenmeter zu überwinden.

Auf der Wasserläufer-Route wollen in 26 Etappen rund 400 Kilometer und knapp 13 000 Höhenmeter bewältigt werden. Scheidegg wird als Startpunkt empfohlen. Über Lechbruck, Füssen und Oy geht es wieder zurück.

Am höchsten hinaus geht es auf der Himmelsstürmer-Route. Zwischen Halblech, Nesselwang, Immenstadt, Oberstdorf, dem Tannheimer Tal und Pfronten warten 352 Kilometer und etwas über 17000 Höhenmeter auf 27 Etappen auf den Wanderer.

Alle drei Routen lassen sich immer wieder miteinander kombinieren.

Alle Informationen unter: www.wandertrilogie-allgaeu.de

Superlative wären auch dem Ende dieser Etappe angemessen. In Bad Wurzach entspannt man sich in der Vitalium-Therme im warmen Wasser oder bei Wellness-Anwendungen, oder man bewundert ein Meisterwerk des oberschwäbischen Barock: das Treppenhaus eines Schlosses, das zwei Jahrhunderte lang Sitz der Wurzacher Linie des Adelsgeschlechts der Waldburg-Zeil war. Dort rückt der Olymp in greifbare Nähe – an der Decke öffnet sich der Blick in den Götterhimmel der alten Griechen. Mitten im Ober-Schwabenländle.

Kunst-Pause

Der Schlösser damit nicht genug. In Kißlegg steht ebenfalls ein prachtvolles Exemplar. Auch dahinter stecken die Waldburger, diesmal der Trauchburger Zweig. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts beauftragte Graf Johann Ernst den Baumeister Johann Georg Fischer (1673–1747), der unter anderem den Innsbrucker Dom konzipierte, mit seinem Neuen Schloss. Nicht zuletzt faszinieren die acht lebensgroßen Sibyllenfiguren die Besucher. Diese gestaltete übrigens der berühmte Stuckateur und Bildhauer Joseph Anton Feuchtmayer (1696–1770), der auch in der damaligen Reichsabtei Salem Großartiges leistete. Heute hat darin moderne Kunst ihr Domizil gefunden. Das Museum Rudolf Wachter würdigt das Werk eines Holzbildhauers, der gewaltige Skulpturen mit der Motorsäge schuf. Die enge Verbindung dieser Kunst zur Natur können vermutlich gerade Wanderer ganz besonders gut nachvollziehen. Nicht entgehen lassen sollte man sich aber auch die Kißlegger Pfarrkirche Sankt Gallus und Ulrich (ebenfalls ein Werk Johann Georg Fischers) und ihren fantastischen Silberschatz, der aus der Werkstatt des Augsburger Silberschmieds Franz -Christoph Mäderl (18. Jahrhundert) stammt.Der Zauber der Vergangenheit bleibt auch am Ende dieser Wandertour präsent: An Wangen im Allgäu fahren viele auf der Autobahn einfach vorbei. Dabei gibt es dort so viele Denkmäler, vom Mittelalter bis zum Barock, dass man ein kunstgeschichtliches Seminar dort halten könnte. Eines der ältesten ist die Stadtpfarrkirche Sankt Martin, in der sich noch Spuren der Romanik finden. Auch die Wurzeln des Rathauses reichen ein halbes Jahrtausend zurück. Die Reste der Stadtbefestigung (so das Martinstor oder das Ravensburger Tor, das Wahrzeichen der Stadt) vermitteln noch heute einen guten Eindruck davon, welches Bild sich an dieser Stelle anno dazumal bot.

Käserei Gospoldshofen

Mein Ländle / Jürgen Gerrmann

Appetitliche Schwergewichte in der Käserei von Jörg Vogler in Gospoldshofen; in Voglers Schaukäserei, Hüttenwirtschaft und Käsereimuseum kann man Stunden verbringen.
Ravensburger Tor

Mein Ländle / Jürgen Gerrmann

Das Wahrzeichen von Wangen: das Ravensburger Tor
Torfabbau Wurzacher Ried.

Mein Ländle / Jürgen Gerrmann

Der Torfabbau prägte das Wurzacher Ried.
Torfabbau Wurzacher Ried.

Mein Ländle / Jürgen Gerrmann

Der Torfabbau prägte das Wurzacher Ried.
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Seelen-Nahrung

Ein absolutes Muss für Wangen-Besucher ist freilich der Fidelisbäck, der Treffpunkt der Einheimischen, in dem das oberschwäbische Gebäck schlechthin, die Seelen, geradezu zelebriert werden. Es gibt sie in vielen Variationen, wobei an der Spitze der Beliebtheitsskala freilich die traditionelle mit dem Leberkäs steht. Apropos Käs (ohne Leber): Schon zuvor empfiehlt es sich, zwischen Leutkirch und Bad Wurzach in Gospoldshofen Station zu machen. Dort hat Jörg Vogler das Käsen zum Event erhoben. Ihm kann man bei der Produktion über die Schulter schauen, in seinem -Museum einen Blick in die Geschichte dieses Handwerks werfen, und dann wäre da noch seine urgemütliche Hüttenwirtschaft, in der man viele köstliche Sorten probieren kann. Zudem ist Vogler ein Original, das gerne Leute um sich hat und manche Anekdote zum Besten gibt.

All das begleitet stets die herrliche Landschaft des württembergischen Allgäus. Im Wurzacher Ried, entlang der idyllischen Wege, gedeihen seltene Arten wie Wollgras, Sumpfrosmarin, Moosbeere und Torfmoose. Das wundervolle Biotop wurde nicht zuletzt durch den Torfabbau geschaffen, dessen Spuren noch heute zu sehen sind. Wer seine Füße etwas schonen möchte, der kann an dieser Stelle auf das Torfbähnle umsteigen, das durch eines der größten noch intakten Hochmoorgebiete Mitteleuropas fährt.

Auge und Herz erfreuen sich auch an den Wiesen, die diesem fantastischen Fernwanderweg den Namen gegeben haben. Auch wenn der Löwenzahn -verblüht ist, bleiben die herrlichen Ausblicke eine Einladung zum Träumen. Zum Beispiel davon, im Laufe der Zeit alle Etappen der Wandertrilogie abzulaufen.

Von Leutkirch nach Wangen

Die hier beschriebene Strecke kann man entweder in drei (bei sportlichem Schritt) oder vier Tagen über ein verlängertes Wochenende absolvieren. Hier die einzelnen Etappen:

1. Tag: Leutkirch – Bad Wurzach 25,6 km / Aufstieg 344 m / Abstieg 349 m
2. Tag: Bad Wurzach – Eintürnen 21 km / Aufstieg 207 m / Abstieg 122 m
3. Tag: Eintürnen – Kißlegg 12,8 km / Aufstieg 76 m / Abstieg 122 m
4. Tag: Kißlegg – Wangen 20,8 km / Aufstieg 176 m / Abstieg 122

Wiesengänger-Route Wanderkarte

Mein Ländle / Jürgen Gerrmann

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