Wer wünscht sich nicht das Glück frei Haus? In der Silvesternacht soll das Wünschen was nützen, jedenfalls laut einem der vielen Mythen, die sich um die Raunächte von 24. Dezember bis 6. Januar ranken. Aber das Wünschen will gelernt sein.

Es klappt nur, wenn man um Mitternacht die hinterste Tür des Hauses weit öffnet. Und zwar für exakt fünf Minuten, sonst verlässt das Glück wieder das Haus. So lautet die genaue Anleitung für das Glück-Wünschen in den Raunächten.

Was sind die Raunächte?

Die Raunächte, ursprünglich auch „Rauchnächte“ genannt, gibt es, weil es das Mondjahr gibt. Das ist mit 354 ­Tagen kürzer als das Sonnenjahr. Beim Übergang bleiben elf Tage und zwölf Nächte übrig. Als Rauchnächte wurden sie wohl deshalb bezeichnet, weil in dieser Zeit besonders viel mit Kräutern geräuchert wurde. Es ging darum, Geister und Dämonen zu vertreiben, aber auch darum, diejenigen willkommen zu heißen, die Gutes bringen.

Viele noch heute geläufige Rituale dieser Nacht haben eine ähnliche Absicht, auch das Feuerwerk oder das Bleigießen, mit dem man einen Blick in die Zukunft zu erhaschen hofft.

Allerlei Orakelei zum Jahresende

Für unsere Ahnen war die Zeit am Ende eines Jahres eine ganz besondere, in der man Altes abschloss. Man mischte einen geweihten Kräuterbüschelzweig unters Futter und räucherte den Stall aus, um auch für das Vieh Schutz und Heil fürs neue Jahr zu sichern. In einzelnen Bauernhöfen wird der Brauch bis heute praktiziert.

Eine andere Methode, der Zukunft ein paar Geheimnisse abzuluchsen, war das Zwiebelorakel, das auf dem einen oder anderen Schwarzwaldhof noch immer zelebriert wird. Dabei werden aus einer großen Zwiebel zwölf Lagen herausgelöst, für jeden Monat eine. Jede Lage wird jeweils mit einer Teelöffelspitze Salz bestreut und bleibt über Nacht ungestört stehen. Ist das Salz am Morgen feucht, deutet es darauf hin, dass der betreffende Monat im kommenden Jahr feucht wird. Steht Wasser in der Zwiebelschale und das Salz hat sich aufgelöst, wird es ein extrem nasser Monat, ist die Schale trocken, fällt kein Regen. Wenngleich keine zuverlässige Wettervorhersage, so doch ein Ritual mit langer Wirkung. Um nachzuverfolgen, ob es recht hatte, muss man ein Wetterbuch führen, regelmäßig den Blick zum Himmel richten und den Weg raus in die Natur suchen.

Buchcover Räuchern in der Winterzeit von Christine Fuchs

MEIN LÄNDLE

Christine Fuchs: Räuchern in Winterzeit und Raunächten. Mit Ritualen innehalten und zur Ruhe kommen. Nymphenburger Verlag, Stuttgart, ISBN 978-3-485-02993-3

Mit Getöse durch die Nacht …

Wenn auch meist nur hinter vorgehaltener Hand – der gute Rat, zwischen den Jahren keine Wäsche zu waschen und schon gar nicht draußen zum Trocknen aufzuhängen, ist auch heute noch allgegenwärtig. Der Grund: Die Wäsche könnte von Odins „Wilder Jagd“ gestohlen und als Leichentücher verwendet werden. Die Sage geht auf den germanischen Gott Odin, auch Wotan genannt, zurück. Er soll in den Raunächten mit seinen haarigen, rauen Gesellen über die Dächer jagen und Geistern und Tieren die Tore öffnen, damit sie ihr Unwesen treiben können.

Dämonen, „die Herren der Raunächte“, sind für Schauspieler Klaus Millmeier der Stoff, aus dem seine spannenden Raunacht-Führungen gemacht sind. Die Idee kam ihm bei einem Spaziergang im Wald, als bei diffusem Licht schemenhaft zwei Reiter auftauchten. „Irgendwie schaurig“, sagte Millmeier. „Kein Wunder“, so die Antwort seines Begleiters, „wir haben die Raunächte.“ Jahrelang hat Millmeier recherchiert, über 700 Bräuche im deutschsprachigen Raum gefunden und mit vielen alten Menschen gesprochen, die nicht nur von den Bräuchen gehört, sondern sie noch erlebt oder praktiziert haben. Daraus entstand seine inszenierte Führung, „damit die Menschen die Bräuche nicht vergessen“. Begonnen hat er vor zehn Jahren im badischen Schopfheim. Inzwischen gibt er in mehreren Städten den Wotan mit den 24 wilden Hunden, zwei weißen Raben und zwei Wölfen. Symbolisch dargestellt durch einen Raben, der oben auf Millmeiers Stab mit dem weißen Geist thront. Das Getöse liefert ein Horn; wenn er es bläst, hat das Publikum zu jaulen – eine Regieanweisung, der die Gäste gerne nachkommen. Es ist in verschiedenen Städten erlebbar – auch so lassen sich die Rau­nächte begehen.

Buchtipp: Begleitend zum Thema gibt es das Buch von Christine Fuchs mit zahlreichen Vorschlägen, wie mithilfe erprobter Räuchermischungen moderne Rituale zu den winterlichen Jahreskreisfesten und jeder einzelne Tag der zwölf Raunächte gestaltet werden können.

Pelzmärtele mit Schellen in Bad Urach

MEIN LÄNDLE/Wulf Wager

Wer an Heiligabend in Wittlingen bei Bad Urach den Pelzmärtle trifft, sollte mit ihm zu den Schellenklängen tanzen, denn das bringt Glück!

… oder innehalten

Wer es ruhiger mag, schließt sich vielleicht lieber Schwarzwald-Guide und Naturpädagogin Roswitha Hild an. Sie erklärt die Mystik der Raunächte mit all ihren begleitenden Gebräuchen am 28. und 29. Dezember auf ihren winterlichen Abendspaziergängen, mit Blick auf die Lichter von Calw. Wer die 100 „Stäffele“ erklommen hat, erfährt, was Frau Holle aus dem gleichnamigen Märchen mit den Raunächten verbindet, hört auch hier von Wotan und von heidnischen Bräuchen, lernt, was er tun soll in diesen Nächten und was lassen – und was die Raunächte uns heute noch sagen wollen: nämlich innehalten. Reflektieren darüber, was das Jahr gebracht und welche Ziele man erreicht hat und was man sich vom kommenden Jahr wünscht. Den stimmungsvollen Abschluss der Führung und eine verheißungsvolle Einstimmung auf die besonderen Nächte bildet das gemeinsame Räuchern mit Kräutern aus der Region, wie Lavendel, Beifuß, Mädesüß oder auch mit Harzen und Nadeln.

Auch wenn die alten Rituale der Raunächte kaum mehr zur praktischen Anwendung kommen, „das Innehalten gewinnt immer mehr Bedeutung, und so die Symbolik der Raunächte“, findet auch Melanie Manns. Eigentlich gelernte Touristikfachwirtin hat die bekennende Naturliebhaberin aus dem Schwarzwald 2011 das Thema Kelten und Raunächte für sich entdeckt und kontinuierlich Wissen gesammelt. Daraus wurden Kurse. „Geführte Reisen ins Unterbewusstsein“ nennt sie ihr Onlineseminar zwischen den Jahren, in dem sie die Bedeutung der Raunächte aufs Hier und Heute adaptiert und damit etwas Licht in die dunklen Tage bringen will. Wer darüber hinaus die Natur lieber in echt erleben möchte, kann dies mit Melanie Manns auch an den Tagen zwischen den Jahren tun, bei Themen-Spaziergängen und -Wanderungen.

Räuchermischung für die Raunächte von Christine Fuchs

  • 2 TL Tannennadeln, z. B. von Fichte, Kiefer, Weißtanne oder Douglasie
  • 2 TL Wacholder (Nadeln und
  • Beeren)
  • ½ TL Misteln
  • 1 TL Orangenschale
  • 1 TL Beifuß
  • ½ TL Schafgarbe
  • 1 TL Angelikawurzel
  • ½ TL Fichtenharz

Beim Räuchern werden nur getrocknete Zutaten verwendet. Diese gut mörsern, damit eine homogene Mischung entsteht. Pro Räucherung ½–1 TL auf die Räucherkohle oder auf das Drahtsieb des Stövchens auflegen.

Wer es einfacher haben will, der sammelt beim Waldspaziergang ein paar Tannennadeln und etwas Fichtenharz. Aus dem Gewürzschrank werden Piment, Muskatnuss, Lorbeerblätter, Nelke und Kardamom hinzugefügt. Mörsern und fertig ist die Räuchermischung.

Keine Raunacht ohne Duft und Rauch

Räuchern als Ritual, für Christine Fuchs, die Mein Ländle-Räucherexpertin ist es zur Lebensphilosophie und zum Lebensinhalt geworden, nicht nur in den Raunächten. Sie hat im Jahr 2006 ihre persönliche „Reset-Taste gedrückt“ und den Job gekündigt. Fuchs ist sich in einer Raunacht über ihre beruf­lichen und privaten Ziele klar geworden und hat „die Räuchermanufaktur und den Ehemann kreiert“. Mit zwei Bestellungen hat sie begonnen. „Heute habe ich rund 3500 Kunden in der Kartei.“ Sie ist überzeugt: „In den Raunächten besteht die Chance, einen Blick auf den ureigensten, authentischen Seelenweg zu werfen. Vorausgesetzt, der Wunsch ist ganz tief in uns. Wünsche, Sehnsüchte, persönliche Bedürfnisse, sie alle verdichten sich in den Raunächten.“

Die Räucher­expertin empfiehlt, sich für diese Momente einen ganz persönlichen, liebevoll gestalteten Platz einzurichten, eine Art „Raunacht­altar“. Zum Innehalten, um der Seele einen Raum zu geben. Um den Geist zu fokussieren, ganz abgesehen davon, dass ein solcher Platz das Auge erfreut und der Duft – „ohne Duft und Rauch keine Raunächte!“ – in eine andere Welt entführt (Rezept siehe Kasten). Man muss das Ritual aber nicht alleine zelebrieren. In ihrem Onlinekurs begleitet Christine Fuchs Interessierte durch die Magie der Raunächte.

Räuchern zu den Raunächten

MEIN LÄNDLE/AdobeStock/Andy Ilmberger

In der Winterzeit und vor allem in den Raunächten zwischen dem 24. Dezember und dem 6. Januar wird dem Räuchern eine ganz besondere spirituelle Magie zugesprochen.

Wer noch mehr Mystik in sein Leben lassen möchte, der liebäugelt vielleicht mit dem Gedanken, dass alles, was an den Tagen zwischen den Jahren passiert (auch nachts in unseren Träumen), Einfluss hat aufs kommende Jahr. Wer es weniger mystisch mag, dem genügt es möglicherweise, eine Kerze anzuzünden, um sich bewusst für einige Minuten mit ihrem Licht zu verbinden und dabei Wünschen, Hoffnungen, Träumen nachzuhängen. Das tut nicht nur in den Raunächten gut.

Buchtipp: Wer noch mehr über „Bräuche im Ländle“ wissen will, findet im gleichnamigen Buch einen Fundus an skurrilen, rührenden, lärmenden und beschaulichen Gepflogenheiten. Bestellbar unter ­www­.­mein-laendle.de

Buchcover Bräuche im Ländle von Wulf Wager

MEIN LÄNDLE

Wulf Wager: Bräuche im Ländle,160 Seiten, 213 Abbildungen, Format 19 × 25,4 cm, kartoniert mit Fadenbindung, Belser Verlag, Stuttgart.

Handfeste Gesellen

Eher handfest geht’s in Hohelohe zu, wenn am Heiligen Abend an verschiedenen Orten ab der Abenddämmerung Rollesel oder Rollebuawe von Tür zu Tür gehen, um dem Christkind den Weg „frei zumachen“; der Lohn dafür besteht aus Süßigkeiten und Geld. Ihr Erkennungszeichen ist das weiße Nachthemd, in Anlehnung ans Christkind; die Hüte und Gesichtsmaskierungen unterscheiden sich von Ort zu Ort. Wichtigste Requisiten der eigentümlichen Gestalten sind der Rollriemen mit unterschiedlich großen Glocken oder Schellen und ein Wurzelstock.

Wie einst machen sich an Heiligabend in Sprollenhaus (Bad Wildbad) im oberen Enztal und in Gaistal, das zu Bad Herrenalb gehört, Christkind mit Pelzmärtle auf den Weg durch die Häuser, Letzterer, um dort mit Sprüngen seine am Kostüm befestigten Schellen zum Klingen zu bringen. Der Lohn für seinen Einsatz: Süßes, Schnaps und auch mal Geld. Im Gegensatz zum Christkind, das ihm vorausgeht: Ähnlich einer Braut gekleidet und mit dichtem Schleier vermummt, verteilt es Geschenke. Schellengeklingel herrscht auch in Wittlingen (Bad Urach). Dort tanzt der Pelzmärtle, unerkannt mit Wildschweinfellmaske und Zylinder, alleine von Haus zu Haus. Wer ihm auf der Straße begegnet, muss zum Klang der Schellen mithüpfen und macht das gerne, denn – so die Überlieferung – der Tanz bringt ihm Segen.

Die Mystik der Raunächte lässt uns bis heute nicht ganz los. Von Stadtführungen, bei denen man Bräuche von einst live erleben kann, bis hin zur Stallausräucherung, die Schutz und Heil fürs Vieh im neuen Jahr sichern soll: Rituale gibt es viele, und jeder Landstrich hat seine ganz eigenen.

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