Die derzeitige Lage bedeutet für uns alle weiterhin eine enorme Belastung. Die Menschen sind verunsichert, sie sehen sich neuen Problemen gegenüber, haben Angst und viele arbeiten zum ersten Mal in ihrem Leben vom Homeoffice aus. LOKALMATADOR.DE traf die Schwetzinger Diplom-Psychologin Sandra Kuhn-Krainick, Expertin für Stressbewältigung und Veränderungskompetenz, die seit über 25 Jahren als Trainerin und Coach tätig ist, um mit ihr über die neuen Herausforderungen zu sprechen und darüber, welche Wege es gibt, diese besser bewältigen zu können.

LOKALMATADOR.DE (LM): Frau Kuhn-Krainick, sicher hat sich der Coronavirus auch auf Ihre Arbeit ausgewirkt. Wie sehen da Ihre Erfahrungen in letzer Zeit aus?

Kuhn-Krainick: Mir ging es erst einmal wie vielen. Von einem Moment zum anderen war der Terminkalender leer, da war ich gerade mit den Vorbereitungen für ein Coaching zum Thema „Gesundes Führen“ beschäftigt. Dann kam die Anfrage vom selben großen Unternehmen, ob ich nicht etwas für ihre Mitarbeiter hätte. Das wäre jetzt wichtiger, als die Führungskräfte zu schulen. Viele kamen mit der plötzlichen Homeoffice-Situation nicht zurecht. Da musste ich schnell etwas entwickeln. Daraus entstand ein Programm mit positiven Tagesimpulsen, u.a. mit Tipps für den Umgang mit Kindern beim Homeoffice, da dieser leicht zu Stresssituationen führen kann. Z.B. hilft da ein Stoppschild an der Tür bei einer Videokonferenz, das dann im Gegenzug auch an der Kinderzimmertür angebracht werden darf. Nach nur drei Tagen waren schon 328 Anmeldungen da, was extrem viel ist. Seitdem sind 31 Tage vergangen und es gibt aktuell über 900 Anmeldungen aus mehreren Unternehmen. Der Bedarf ist riesig. Ich habe auch für einen Kindergarten ein Programm für die Eltern entwickelt. Die Belastung geht querbeet durch die Gesellschaft.

 

LM: Wie lange das Virus und damit auch die massiven Einschnitte in unseren Alltag unser Leben noch begleiten wird, steht aktuell in den Sternen. Welche Ängste begegnen Ihnen bei den von Ihnen gecoachten Menschen derzeit am häufigsten und welche zusätzlichen Herausforderungen sehen sie mittel- bis langfristig auf die Menschen beruflich und privat dadurch zukommen?

Kuhn-Kraninick: Es gibt sehr viele Ängste, natürlich die Angst vor gesundheitlicher Bedrohung, wobei sich einige sogar richtige Horrorszenarien ausmalen. Die Angst, wem man trauen kann und wem nicht bzw. welchen Aussagen gibt es ebenfalls und ganz am Anfang stand bei vielen auch die Angst vor dem Homeoffice selbst, besonders bei denen, die das noch nie gemacht hatten. Selbst ich musste mich mit neuen Tools vertraut machen und coache jetzt auch per Video-Konferenzschaltung. Aber das hat sich etwas gelegt, da sich die meisten inzwischen mit den technischen Aspekten vertraut machen konnten. Aber das Gefühl der Isolation bleibt oft.

Die Menschen müssen einen Spagat zwischen verschiedenen Extremen machen. Einerseits ist z.B. Stabilität gefragt, aber auf der anderen Seite steht die Flexibilität, Gesundheit und auf der anderen Seite ist die Leistung, usw. Eines der Hauptthemen ist deshalb die Resilienz, also die psychische Widerstandskraft, durch die man schwierige Lebenssituationen übersteht, ohne dass dauernde Beeinträchtigungen verbleiben. Das kann nicht jeder. Aber das lässt sich lernen. Viele fragen sich auch, was sie sich trauen dürfen, um nicht zu erkranken oder andere anzustecken, wenn man doch mal in die Firma fahren muss.

Dipl.-Psychologin Sandra Kuhn-Krainick beim Online-Coaching vom heimischen Schreibtisch.

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Online-Coaching ist seit Corona für Sandra Kuhn-Krainick ein immer wichtigerer Bestandteil ihres Programms.

LM: Das Gefühl, in Deutschland „sicher“ zu sein wurde durch die Pandemie erschüttert. Jetzt scheint nichts mehr gewiss, alles Negative, was sonst nur irgendwo weit entfernt zu existieren schien, scheint nun auch hier möglich. Die Aggressivität steigt bei vielen, während manche es schaffen, auch Gutes zu entwickeln. Welchen Rat können sie den Menschen geben, wie sie besser mit einer derart langfristigen und grundlegenden Verunsicherung umgehen können? Was führt Ihrer Meinung nach dazu, dass die Menschen so unterschiedlich mit der aktuellen Krisenlage umgehen und was machen solche Personen, die aggressives Verhalten entwickeln falsch und wie schaffen es Ihrer Meinung nach die anderen, positive Verhaltensweisen zu entwickeln und anzuwenden?

Kuhn-Krainick: Menschen, die in der Krise zur Aggressivität neigen, die im Extremfall sogar in häuslicher Gewalt enden kann, gehören zu der Gruppe der besonders verunsicherten Personen, die nie gelernt haben, mit Krisen umzugehen. Das ist eine Frage der persönlichen Prädisposition, meist bedingt durch die Erlebnisse als Kind und den Umgang in der Familie. Andere gehen hingegen schon seit jeher optimistischer und interessierter an neue Situationen heran. Wer merkt, dass er Probleme hat, kann sich durch Selbstcoaching helfen, ein erster Schritt liegt darin, sich geeignete Literatur zu besorgen. Da gibt es einiges. Manchen Menschen ist ihr aggressives Verhalten gar nicht oder nur in geringem Maße bewusst. Dann ist ein Feedback aus dem familiären Umfeld sehr hilfreich. Wichtig ist, die betreffende Person dafür immer unter vier Augen anzusprechen. Das sollte man unbedingt beachten. In zu extremen Fällen, die zum Glück die absolute Ausnahme darstellen, sollte man die Telefonseelsorge anrufen, wenn die direkte Ansprache nicht hilft.

 

LM: Ihr Angebot richtet sich in erster Linie an die Wirtschaft bzw. wird meist von größeren Unternehmen für deren Mitarbeiter gebucht. Welche Angebote/welches Training oder Schulung können Sie „Otto Normalverbraucher“ empfehlen, wenn es diesem/dieser kaum oder gar nicht gelingt, sich arbeitstechnisch oder privat den neuen Gegebenheiten anzupassen, um allzu negative Auswirkungen auf das eigene Leben zu vermeiden?

Kuhn-Krainick: Viele Unternehmen, die ihren Mitarbeitern vorher gar kein oder nur gelegentliches Homeoffice anboten, kommen langsam auf den Geschmack, weil sie sehen, dass das auch funktioniert und sie ganz nebenbei die Bürokosten erheblich reduzieren können. Es ist also davon auszugehen, dass diese Form der Arbeit weiter zunehmen wird. Deshalb ist es für die Mitarbeiter wichtig, dass sie ihre Führungskräfte fordern, falls nötig. Da sollte man sich nicht vor scheuen, schließlich haben sie auch einer Fürsorgepflicht nachzukommen. Vielen fehlt zum Beispiel der lockere Austausch mit den Kollegen in der Teeküche. Ein mehrmals pro Woche abgehaltener Online-Austausch jenseits von Zahlen und Arbeitsdruck bei dem man sich auch über Privates unterhalten kann, kann die Gruppe stärken und das Gefühl der Isolation mildern – 30 Minuten reichen schon. Wichtig ist auch, Feedback vom Chef einzufordern, denn eine abgegebene Arbeit die unkommentiert bleibt, sorgt leicht für Unsicherheit. Ein gelegentliches Lob kann ein richtiger Motivations-Booster sein. Natürlich kann man auch um Schulung bzw. Coaching bitten, wenn man mit dem Homeoffice Probleme hat. Die meisten Unternehmen sind da heute ziemlich offen.

Das Gespräch führte Marco Montalbano

Info

Da Sanda Kuhn-Krainick weiß, dass es für jeden eine schwierige Zeit ist, bietet sie derzeit allen an, sich gratis in ihren Newsletter einzuschreiben. Mit diesem verschickt sie regelmäßig positive Impulse und zur Begrüßung kostenfrei ihren „Chill doch!“-Fächer als PDF, mit einem positiven Impuls für jede Woche des Jahres, sowie den von ihr entwickelten, neue Resilienz-Selbsttest. Durch diesen lässt sich erkennen, wie groß oder gering die eigene Widerstandsfähigkeit in Stresssituationen ist. Je nach Ergebnis gibt es dann passende Tipps, wie man sich steigern kann. Mail an: info@institut-kuhn-krainick.de