Na ja, einen Wohlgeruch strömt Geranium robertianum nicht aus. Süße Düfte nach Zitronen, Orangen, Zimt, Muskat oder Fichtennadeln, wie sie bei seinen mediterranen Artverwandten, den stolzen Duftgeranien auftreten, sucht man beim kleinen stinkenden Bruder vergeblich. Wer das ­Ruprechtskraut vor sich hat, nimmt dessen erdige, herbe würzige Duftnoten wahr. Und weil jeder Mensch Düfte unter­schiedlich beurteilt, darf jeder seine eigene Erfahrung mit ihm machen – ich zum Beispiel finde nicht, dass er stinkt.

Der Begriff Geranium leitet sich vom griechischen geranos (= der Kranich) ab. Das gemeinsame Abzeichen der Familie der Geraniaceae ist stets die Frucht, die einem Storchen-, Reiher- oder Kranichschnabel gleicht. Sie hilft dabei, diese tolle Heilpflanze zu erkennen. Unsere Altvorderen nannten sie auch Gichtkraut, Rotlaufkraut oder Gottesgnadenkraut. In früheren Zeiten war der Storchenschnabel hauptsächlich in der Tierheilkunde bekannt, besonders zur Behandlung von Blutharnen und Seuchen.

Das Wissen um seine Wirksamkeit ist schon sehr alt, die Kelten und Germanen kannten und nutzten diese Pflanze ebenfalls, für Tier und Mensch übrigens. Der Arzt und Apotheker Tabernaemontanus (1522–1590) erwähnte in seinem Kräuterbuch, dass dieses alte Wissen aus der Volksheilkunde stamme: „Der Namen dieses Krauts Gottesgenad / darmit es sonderlich bey dem gemeinen Mann bekannt / gibt genugsame Anzeigung / dass es solchen von wegen seiner vielfältigen Krafft / Würkung und Tugend halben / damit es von Gott dem Allmächtigen begabet ist / empfangen hat.“

Gegen Mücken und ­andere Mucken

Im 18. Jahrhundert wurden übrigens die heute als Duftgeranien bekannten Storchenschnabelgewächse aus der Kapkolonie nach England eingeführt. Heute erfreut man sich auch bei uns an ihren stark aromatisch duftenden Blättern. Das ätherische Öl Oleum Geranium wird in der Aromatherapie mit großem Erfolg bei Depressionen verwendet. Es wirkt zudem antiseptisch und wundheilend, und Mücken scheinen diesen Duft überhaupt nicht zu mögen. Nun ist zwar die Duftgeranie (botanisch korrekt Pelargonium) nur entfernt verwandt mit dem staudigen Geranium robertianum. Umso interessanter ist daher, dass das Ruprechtskraut dieselbe Wirkung auf das menschliche Gemüt zu haben scheint. In vielen Kräuterheilbüchern wird der Stinkende Storchenschnabel als gutes Mittel gegen Melancholie und Trübsinn empfohlen.

Ruprechtskraut

Fotolia

Ruprechtskraut ist unkompliziert und vermehrt sich schnell.

Vor rund 800 Jahren riet etwa die heilkundige Klosterfrau Hildegard von ­Bingen (1098–1179), ihn in einer Mischung aus Poleiminze und Raute zu verabreichen, und der Arzt Paracelsus (1493–1541) streute die gleiche Mischung aufs Brot. Sie sollte das Herz erfreuen und fröhlich machen. Storchenschnabel wirkt also auf unsere Stimmung – über den Magen. Auch als Wildgemüse aß man in Notzeiten die Wurzel des Storchenschnabels. Die früher gängigen Beinamen wie Himmelsbrot, Ade­bars- oder Notbrot zeugen davon. Frisch sollen die Wurzeln ähnlich wie Pastinaken schmecken.

Allerlei Rot

Ihren heutigen Namen Ruprechtskraut soll die Pflanze jedoch dem heiligen ­Ruprecht verdanken, Rupert oder Robert von Salzburg (um 660 – um 718), der dort Erzbischof war und seine Fisteln und Geschwüre mit Storchenschnabel geheilt haben soll. Andere wiederum führen das „robertianum“ auf die Signa­tur der Pflanze zurück, nämlich auf die auffallend rote Farbe. Das galt für unsere Ahnen als Zeichen dafür, dass diese Pflanze „rote Krankheiten“ heilen könne, blutige Durchfälle etwa oder offene Wunden wie Beingeschwüre, rote Ausschläge und Ekzeme. Der Kräuterpfarrer Johann Künzle (1857–1945) nutzte diesen Storchenschnabel als ziehendes Kraut und beschreibt das Auflegen des zerriebenen Grüns als sehr hilfreich bei Augenentzündungen, Halsweh, Zahnschmerzen, Nervenentzündungen in den Wangen oder Füßen, Schmerzen in Magen und Nieren, bei Mensch und Tier.

Bei so viel Heilwirkung ist es verständlich, dass man im Ruprechtskraut ein „Gottesgnadenkraut“ sah. Ich bin auf jeden Fall dankbar, dass es sich in meinem Garten wohlfühlt. Und meine Tinktur aus Ruprechtskraut war schon in vielen akuten Fällen sehr erfolgreich im Einsatz.

Ruprechtskraut – Geranium robertianum

Familie der Storchenschnabel­gewächse – Geraniaceae
Man findet sie in Europa, Nord­afrika und Asien bis in Höhen von 1700 m. Allein in Mitteleuropa gibt es etwa 20 Arten. Bei uns wächst häufig der blaublütige Wiesenstorchen­schnabel (Geranium partense). Auch unsere Balkon­geranien oder Pelargonien gehören zur Familie, sie sind aber keine einheimischen Pflanzen und müssen deshalb frostsicher überwintern. Das heimische Ruprechtskraut wird auch Stinkender Storchenschnabel oder Gottesgnadenkraut genannt, Letzteres, weil es eine große Heilkraft hat.

Erkennungsmerkmale: einjährig, bis zu 50 cm hoch, dünne, verzweigte rötliche Stängel, ebenso wie Blätter und Kelchblätter weich behaart; im Umriss dreieckige Blätter, rosa, karmin oder lila Blüten; ca. 2 cm lange und schnabelförmige Fruchtknoten; Verwechslung mit anderen Storchenschnabelgewächsen möglich, der medizinisch verwendete hat jedoch ins Rote gehende Stängel und einen scharfherben Geruch; unkompliziert, sät sich selbst aus und vermehrt sich schnell

Standort: Mauern, Felsritzen, Wälder, Hecken, Ödland

Inhaltsstoffe (Auszug): Geraniin, Gerbstoffe, Bitterstoffe, ätherisches Öl

Wirkung: zusammenziehend, blutstillend, wundheilend, antibakteriell und antiviral, entgiftend, entzündungshemmend, gemütserhellend und fröhlich stimmend

Indikation: bei Durchfall (auch blutigem Durchfall), chronischer Entzündung des Magens und des Dünndarms; in der Volksmedizin bei Hauterkrankungen, Geschwüren, Entzündungen, Ekzemen, Venenerkrankungen und Gicht, bei Kummer und Traurigkeit; für Rinder und Schweine bei Milzbrand

Nebenwirkungen: in therapeutischen Dosen keine

Sammeln und Aufbewahren: von April bis September blühendes Kraut sammeln und bündeln, schattig aufhängen und trocknen; die Wurzel im Oktober ernten, säubern, trocknen; sowohl das getrocknete Kraut als auch die Wurzel pulverisieren, in Behältern dunkel aufbewahren

Verwendung: innerlich besonders als Wein oder Tinktur, äußerlich als Frisch­pflanzensaft; als Badezusatz oder Umschlag bei nässender oder trockener Flechte, als Tee zum Abtransport von Schlacken und Giftstoffen, Wurzelpulver bei Kummer und Traurigkeit (auf dem Butterbrot), Einreibungen mit verdünnter Essenz oder Tinktur bei Ekzemen, Nervenschmerzen und -entzündungen; in der Apotheke als Geranii robertiani herba (Kraut) bzw. radix (Wurzel) erhältlich; als Räucherpflanze zusammen mit Sandelholz bei Unwohlsein durch Gram und Schrecken

 

Rezepte mit Ruprechtskraut


Pulver gegen Winterdepression

Zutaten:

  • getrocknetes Ruprechtskraut mit Wurzel
  • davon ½ Menge in g getrocknete Poleiminze (vom Kräuterhandel oder griechischen Laden)
  • davon ½ Menge in g getrocknete Weinraute
Pulver aus Ruprechtskraut gegen Winterdepressionen

Mein Ländle/Birgit Dirschka

Die Zutaten mischen und pulverisieren. Das Pulver am besten immer wieder aufs Butterbrot gestreut zu sich nehmen. Die Mischung soll gegen Melancholie und Winterdepression helfen. Nach der heilkundigen Klosterfrau Hildegard von Bingen, von der die Rezeptur stammt, wird das Herz gestärkt und der Mensch froh. Man kann auch frisches Ruprechtskraut (2 Handvoll) mit Wurzel selbst trocknen oder die fertige Mischung im Kräuterhandel kaufen.

 

Ruprechtskraut-Tee oder -Kaltauszug

Ruprechtskraut-Tee oder -Kaltauszug

Mein Ländle/Birgit Dirschka

1 TL getrocknetes oder frisches Ru­prechts­kraut mit 250 ml kochendem Wasser überbrühen. 5 Min. ziehen lassen. Bei Durchfall, Blutungen, Hauterkrankungen und zur inneren Reinigung 2-mal täglich vor den Mahlzeiten 1 Tasse trinken. Möglich ist auch ein Kaltauszug: Dafür die Pflanze 6 Stdn. in kaltem Wasser ausziehen lassen. 2–3 Tassen über den Tag verteilt trinken.


Ruprechtskraut-Tinktur

Zutaten:

  • frisches Ruprechtskraut mit Wurzel
  • Alkohol (70 %ig)
  • dunkles Schraubverschlussglas
  • dunkle Fläschchen
Ruprechtskraut-Tinktur

Mein Ländle/Birgit Dirschka

Ruprechtskraut und Wurzel waschen, zerkleinern und in ein dunkles Schraubverschlussglas füllen. Mit Alkohol übergießen, bis alles bedeckt ist. Glas verschließen und an einen hellen Platz stellen. 4–6 Wochen stehen lassen, zwischendurch immer wieder gut schütteln. Zum Schluss abseihen und in dunkle Fläschchen abfüllen. Die Tinktur eignet sich besonders für die Reiseapotheke. Bei akuten Magen- und Darmbeschwerden wird die Einnahme von 20–30 Tropfen stündlich empfohlen. Die Tinktur gleicht den Notfalltropfen von Dr. Bach und kann genauso angewandt werden. Sie dient auch zur Behandlung von lange zurückliegenden Blockaden infolge von Schock sowie bei Melancholie/Traurigkeit infolge von Schrecken oder Trauma (z. B. durch Fehlgeburt: bis 3-mal täglich 1–3 Tropfen). Bei Lippenherpes täglich 3–4 Tropfen einnehmen oder direkt 1–2 Tropfen auf die befallene Stelle auftupfen.


Wein mit Ruprechtskraut

Zutaten:

  • frisches Ruprechtskraut
  • Rotwein (z. B. Trollinger)
  • verschließbares Gefäß
  • dunkle Flasche

Ruprechtskraut waschen und klein schneiden. In ein Gefäß geben und doppelt so hoch mit Rotwein auffüllen. Verschließen und 2 Wochen ziehen lassen. Immer wieder schütteln, dann filtern und den Auszug abfüllen. Zur Magenberuhigung oder bei Sommerdurchfall vor dem Essen bis zu 3-mal täglich 20 ml trinken. Alternativ je eine Handvoll Ruprechtskraut, Minze und Weinraute in 1 l gutem Rotwein ansetzen und wie oben verfahren. Man erhält einen „Wein, der ein fröhlich Herz machen kann“.