Der Bischof Martin von Tours war der erste Nicht-Märtyrer, der im Westen als Heiliger verehrt wurde. Bis heute gilt er als Vorbild und Symbol für Nächstenliebe. Er ist nicht nur der offizielle Schutzpatron Frankreichs und auch der Slovakei, sondern auch der Reisenden, der Armen und Bettler und im weitesten Sinne auch der Geflüchteten, Gefangenen, Abstinenzler und der Soldaten. Unzählige Kirchen auf der ganzen Welt sind ihm geweiht.

Die Basilika St. Martin in Tours (Frankreich)

Leonid Andronov/iStock/Getty Images Plus

Basilika St. Martin in Tours, Frankreich. Hier war Martin Bischof.

Militärdienst nicht mit Gewissen vereinbar

Martin wurde um 317 im heutigen Ungarn in eine heidnische Familie geboren und christlich erzogen. Im zarten Alter von 15 musste er in die römische Armee, genauer in Reiterabteilung in Gallien (heute Frankreich), eintreten. Als er 18 Jahre alt war, wurde er vom späteren Bischof von Amiens, Hilairus, getauft. Weil er den Militärdienst nicht mehr mit seinem christlichen Glauben vereinbaren konnte, schied er im Jahr 356 aus der Armee aus. Er konnte den Feldzug gegen die Germanen bei Worms einfach nicht mit gutem Gewissen verantworten.

Die Geschichte mit dem Bettler

Was Martin schließlich bis heute berühmt gemacht hat, ist die Geschichte mit dem Bettler, die sich vor den Stadttoren von Amiens abspielte. Am eiskalten Wegesrand bettelte dort ein in Lumpen gekleideter, armer Mann nach Almosen. Selbstlos nahm Martin sein Schwert, zerteilte seinen Mantel und kleidete den Armen mit der abgeschnittenen Hälfte. Keine Selbstverständlichkeit, denn römische Soldaten mussten ihre komplette Ausrüstung inklusive der Mäntel selbst bezahlen. In der nächsten Nacht soll Martin dann eine Christus-Erscheinung gehabt haben, was ihn davon überzeugte, richtig gehandelt zu haben.

Soldaten des römischen Reiches

serpeblu/iStock/Getty Images Plus

Darstellung römischer Soladten. Martins (Winter-) Mantel könnte ausgesehen haben wie der des Soldaten ganz links.

Beliebter Bischof und Wunderheiler

Martin war das, was man heute einen Wunderheiler nennen würde. Er wurde auch zum Exorzisten geweiht und war damit in der Lage, Dämonen auszutreiben, was bei der damaligen Weltanschauung durchaus wichtig war. Er heilte die Menschen in spiritueller und auch körperlicher Hinsicht und folgte somit dem Vorbild Christi. Die Bevölkerung war von seiner asketischen Lebensweise, seiner Barmherzigkeit und seiner fürsorglichen Art sehr beeindruckt. Seine Wahl zum Bischof soll ihm unangenehm gewesen sein, obwohl er den Rückenwind der Bevölkerung hatte. Der Neid der Kleriker war groß, schließlich war Bischof von Amiens zu sein eine sehr prestigeträchtige Aufgabe.

Zu seinen Wundertaten gehörte beispielsweise die Heilung eines Leprakranken und er soll sogar ein totes Kind wieder zum Leben erweckt haben. Kein Wunder war es also, dass sich seine Bekanntheit innerhalb kürzester Zeit immer mehr steigerte. Im Jahr 375 wurde von ihm eine Kolonie nahe Tours gegründet, die sich zum Kloster Marmoutier entwickelte, einem bedeutenden religiösen Zentrum in Gallien, in das viele Adelige eintraten.

Der Legende zufolge soll er sich in einem Stall versteckt haben, als seine Neider ihm zu Leibe rücken wollten, doch das Schnattern von Gänsen verriet sein Versteck. Eine andere Legende besagt, dass ein paar verirrte Gänse in die Kirche kamen und die Predigt störten, sodass man die gefiederten Störenfriede kurzerhand zu Braten verarbeitet haben soll. So soll der Brauch der Martinsgans entstanden sein – tatsächlich dürfte es aber eher daran liegen, dass im Herbst kurz vor der Fastenzeit, die am 11. November begann, geschlachtet wurde und es natürlich Unmengen als Fleisch zu essen gab, nicht nur Geflügel. Hier lesen Sie mehr dazu.

Martinsfeuer und Laterne

nadisja/iStock/Getty Images Plus

Martinsfeuer und Laternenumzüge erinnern noch heute an den barmherzigen Heiligen.

Relevanz bis in die heutige Zeit

Das Leben und Wirken des Heiligen Martin ist auch heute relevant. Er steht für Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Mitgefühl. Er lebte nicht verschwenderisch – heute würde man es nachhaltig nennen, und bildete sich nichts auf sein Bischofsamt ein.

Bei aller Bescheidenheit und dem selbstlosen Geben bleibt der Heilige Martin durchaus rational: er gibt dem Bettler nur seinen halben Mantel und behält eine Hälfte, um nicht selbst zu erfrieren. Es handelt sich hier also nicht um eine Legende mit erhobenem Zeigefinger, sondern die Geschichte hat eine dem gesunden Menschenverstand entsprechende Moral.

Die im Christenrum allgegenwärtige Lichtsymbolik, mit Laternenumzug und Martinsfeuer dargestellt, machen den Martinstag zu einem Gedenktag für alle Menschen, nicht nur Christen und Kinder. Denn eine barmherzige, positive Sicht auf die weniger begüterten Mitmenschen und die Bereitschaft, vom eigenen Reichtum etwas abzugeben gewinnt gerade in unserer heutigen Zeit immer mehr an Bedeutung.

Martinslied

Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin, ritt durch Schnee und Wind,
sein Ross das trug ihn fort geschwind.
Sankt Martin ritt mit leichtem Mut, sein Mantel deckt in warm und gut.
Im Schnee saß, im Schnee saß, im Schnee da saß ein armer Mann
hat Kleider nicht, hat Lumpen an.
„Oh, helft mir doch in meiner Not, sonst ist der bitt’re Frost mein Tod.“

Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin zog die Zügel an,
sein Ross steht still beim armen Mann.
Sankt Martin mit dem Schwerte teilt
den warmen Mantel unverweilt.
Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin gab den Halben still,
der Bettler rasch ihm danken will.

Sankt Martin aber ritt in Eil
hinweg mit seinem Mantelteil.

Termine für Martinsumzüge finden Sie hier »