Im traditionsreichen Ländle gehört die schwäbisch-alemannische Fasnet wohl zu den lebendigsten Bräuchen. Gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts maximal 30 Narrenzünfte, so sind es heute über 2000. Zu den ältesten gehören die Narren­aristokraten: das Kleeblatt aus Überlingen, Rottweil, Elzach und Oberndorf.

Blick zurück

Gar schauerlich klang um 1900 der Abgesang der alten Fastnacht durch die Lande. In Rottweil mühten sich 1903 gerade noch neun Narren beim Narrensprung durch das Schwarze Tor. Kaum mehr vorstellbar heute in der Narrenhochburg, da es über 9000 Narrenkleider nach historischem Vorbild in der alten Reichsstadt gibt. Nach dem Ersten Weltkrieg aber schien das Ende der Traditionsnarretei besiegelt. Alles närrische Treiben in Baden, Württemberg und Hohenzollern war von den jeweiligen Regierungen verboten worden; man vermutete politische Umtriebe unter dem närrischen Deckmantel. Nur Kindern war das Maskenlaufen erlaubt. Das machte die Traditionalisten im Ländle, das damals so noch gar nicht existierte, so richtig narret. Also rotteten sich auf Anregung der Narrozunft aus Villingen ein gutes Dutzend Gruppen 1924 zum Gauverband badischer und württembergischer althistorischer Narrenzünfte zusammen, der späteren Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN). Was folgte, war ein grandioses Wiedererwachen. 1928 gab es ein erstes Narrentreffen in Freiburg, bei dem die Zünfte erstmals die Mauern ­ihrer eigenen Städte und Dörfer verließen und den Brauch auswärts vorführten.

Närrischer "Viererbund"

Erwin Krumm/Mein Ländle

Närrischer "Viererbund"

Folklore reicht nicht

Damit begann ein Boom sondergleichen und eine Entwicklung hin zur Folklore, die bis heute anhält. Zahlreiche Zünfte entstanden in den 1930er-Jahren und traten der Narrenvereinigung bei. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging das Neugründen munter weiter. Viele Figuren entbehrten allerdings jedweder historischer Grundlage; und so begann es in den alten Zünften zu grummeln und zu rumoren. Sie fühlten sich bei den Folklorenarren nicht mehr wohl. Zudem stand eine enge Verbrüderung mit dem Karneval und ein eventueller Zusammenschluss mit dem Bund Deutscher Karneval im Raum. Damit kochte die traditionelle Narrensuppe endgültig über.

Die Zünfte aus Rottweil, Elzach, Überlingen, Villingen und Oberndorf traten aus der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte aus. Während Villingen sich dafür entschied, künftig die eigene traditionelle Fastnacht nur noch in den alten Mauern der Zähringerstadt zu feiern, fanden sich die anderen vier „Rebellenzünfte“ als lockere Verbindung zusammen. Auch ohne Verbandsstatus feiern sie alle paar Jahre ein gemeinsames Treffen. In den vier Narrenstädten an Neckar, Elz und Bodensee fiebern die Protagonisten jedesmal dem Treffen entgegen, darunter die Schuttignarren aus Elzach, die Hansel, Narros und Schantle aus Oberndorf und die Biß, Gschell, Fransenkleidle, Rössle, Schantle und Federahannes aus Rottweil.

Der "Federerhannes" aus Rottweil

MarcQuebec/ iStock / Getty Images Plus

"Federahannes" - eine Teufelsmaske aus Rottweil

Tüfelshäser und der schwarz Henslin

Teufelsfiguren haben die Oberhand, zumindest in dreien der Viererbundstädte. Aus liturgischen Spielen sollen sie in die Fastnacht eingewandert sein. Zu einer Zeit, da der Großteil der Menschen nicht lesen konnte und die Messen in ­Latein gehalten wurden, musste man den einfachen Leuten das Heilsgeschehen anhand von Schauspielen und Prozessionen erklären und vorführen. So kam es, dass in Überlingen „Tüfelshäser“ beim Mesmer des Nikolausmünsters für die Fastnacht ausgeliehen wurden. Umgekehrt sollten Häser, die privat angeschafft wurden, den Prozessionen zur Verfügung stehen – verkehrte Welt. Und genau das stellt die Fastnacht dar: Was passiert, wenn die göttliche Ordnung in Zweifel gestellt und dagegen verstoßen wird? Die Hölle auf Erden. Dazu gehört natürlich auch der Teufel oder, wie er in Überlingen hieß, der „schwarz Henslin“, das heutige Hänsele, das mit seiner Karbatsche einen infernalischen Krach veranstaltet und mit seinem dunklen Blätzlesgewand durchaus beeindruckt.

Der springende Elzacher Schuttig

Wulf Wager/Mein Ländle

Der Elzacher Schuttig hat „Suublootere“- aufgeblasene Schweinsblasen - dabei.

Wo die „Suublooter saichelet“

Nicht minder imposant sind die rot-zotteligen Elzacher Schuttige, deren Häser alle gleich aussehen. Nur die Larven, die Masken, unterscheiden sich doch deutlich voneinander. Schuttige zelebrieren die Fastnacht übrigens so, wie es sein sollte: Sie legen ihre Larve niemals in der Öffentlichkeit ab. In den Gasthäusern werden separate Schuttigzimmer eingerichtet, wo die Elzacher unter sich sind und die Larve und den mit Schneckenhäusern besetzten Strohhut abnehmen können, um kurz zu rasten – Zutritt für Besucher verboten. Das Elzacher Narrenkleid ist übrigens nur Männern vorbehalten, ebenso wie das des Überlinger Hänseles. Beim Umzug hört und riecht man die Elzacher übrigens lange, bevor sie an den Zuschauern vorbeiparadieren. An einem getrockneten Hagenschwanz führen sie eine aufgeblasene Schweinsblase, eine „Suublooter“ mit sich. Damit schlagen sie kräftig auf den Boden oder auch gerne mal auf die Köpfe der Zuschauer. Das macht höllischen Lärm. Mehrere Hundert „Suublootere“ verbreiten natürlich auch ein „Gschmäckle“, mit dem sich die nahenden Schuttige schon geruchlich ankündigen.

Fasnacht in Rottweil

MarcQuebec/iStock/Getty Images Plus

Der Rottweiler Federahannes ist eine gefiederte Teufelsgestalt.

Der Dritte im teuflischen Bunde ist der Rottweiler Federahannes, der gefiederte Teufel, dessen imposante Larve mit den teuflischen Hauern und dem ausdrucksstarken barocken Rollkinn eine große Faszination auf die Zuschauer ausübt. An einer langen hölzernen Stange führt er ein parfümiertes Kalbsschwänzle mit sich. Damit neckt er die Damen. Die Stange nutzt er zum Narrensprung, bei dem der Gefiederte buchstäblich in die Luft geht.

Mit Würsten, ­Glocken und Brezeln

Einen krassen Kontrast zu den Teufelsfiguren bilden dagegen die Gschell, Fransenkleidle, Hansel und Narros aus Rottweil und Oberndorf mit ihren weißen oder bunt bemalten Narrenkleidern, schweren Glocken, Narrenwürsten, Hahnenfedern, Narrenbüchern und Brezeln.

Der Oberndorfer Narro mit Brezelstange

Hardy Gertz/Mein Ländle

Der Oberndorfer Narro verteilt großzügig Brezeln.

Zu jedem dieser Accessoires könnte man ethnologische Aufsätze oder gar Bücher schreiben. Begnügen wir uns damit zu wissen, dass sie eines vereint: Sie symbolisieren die Gottferne des Narren. Allein schon die feine glatte Maske, ein seit dem 15. Jahrhundert bekanntes Relikt, kann man als „schönen Schein“ bezeichnen, der die wahre Intention des Narren als Gottesleugner verdecken soll. Wie gut, dass er spätestens am Aschermittwoch entlarvt wird und im Sinne der klerikalen Obrigkeit dann alles wieder seinen geordneten göttlichen Gang geht. Aber bis dahin vergeht noch viel Zeit, und vorher wird beim Viererbund­treffen in Überlingen ordentlich gefeiert. Und dann kommt ja auch noch die richtige Fasnet …

Buchtipp

Wulf Wager
Bräuche im Ländle

In diesem reich bebilderten Band führt Mein Ländle-Herausgeber Wulf Wager durch die schönsten Bräuche im Ländle. Das bunte Kaleidoskop reicht vom bekannten Rottweiler Narrensprung über weniger bekannte Bräuche wie das Männersäen in Trillfingen bis hin zu ganz familiären Traditionen wie dem Rübengeisterschnitzen im November. Auf der in den Jahreslauf eingebetteten Reise durchs Bräucheländle werden interessante Hintergrundinformationen präsentiert und spannende Geschichten erzählt.

160 Seiten, 213 Abbildungen,
Format 19 x 25,4 cm, kartoniert,
Belser Verlag, Stuttgart