94 Kilometer ist er lang, streift malerische Kleinstädte und Orte, an denen ein junger Hermann Hesse noch ganz Lausbub sein durfte.

Calw. Das Nagoldufer. Welch romantische Vorstellung, dass hier einst Flöße übers Wasser trieben. In den Kindertagen des Schriftstellers Hermann Hesse, der Ende des 19. Jahrhunderts dort aufwuchs, war das Geschäft mit den großen Schwarzwaldtannen noch in vollem Gange. Er machte sich einen Spaß daraus, auf die Flöße aufzuspringen und sich mit ihnen treiben zu lassen. Wenn er erwischt wurde, gab’s Ärger, mit den Flößern und mit den Eltern. Die Nikolausbrücke in Calw erinnert ein wenig an diese alten Zeiten. Eine kleine Brückenkapelle ist der Tuchmacherei und der Flößerei gewidmet. Gleich nebenan steht eine lebensgroße Bronzefigur von Hermann Hesse (1877–1962). Man kann das Fahrrad dort kurz abstellen und Arm in Arm ein Selfie mit dem Literaturnobelpreisträger machen.

Start an der Nagoldquelle

Wer mit dem Rad in Calw ankommt, der hat schon ein gutes Stück vom Nagold­talradweg hinter sich gebracht. 65 der 94 Radkilometer, um es genau zu sagen. Man fährt die Strecke normalerweise in Fließrichtung, auch weil es dabei stets leicht bergab geht: Aus 800 Höhenmetern an der Nagoldquelle werden schließlich gut 250 am Ziel in Pforzheim. Der Startpunkt liegt mitten im romantischen Nordschwarzwald. Ur­nagold heißt der Ort, an dem der Radweg beginnt. Verborgen zwischen dunklen Tannen und Fichten kommt ein kleines Rinnsal aus der Erde, aus dem schließlich ein richtiger Fluss wird: die Nagold. Man folgt ihr durch dichten Nadelwald, über dünn besiedeltes Gelände, vorbei an schmalen Lichtungen und vereinzelten Gehöften. Die ersten 30 Kilo­meter führen durch Natur pur, mit teilweise geschotterten Wegen, die für empfindliche Tourenradfahrer und Familien mit Radanhängern eine Herausforderung sind. Doch das Landschaftserlebnis ist überwältigend und die Belohnung groß, wenn sich plötzlich ein See auftut: die Nagoldtalsperre. Landläufig auch Erzgrube genannt, ist sie die ideale Sommerfrische mit Badestelle, Wasserspielplatz und Biergarten.

Wildberg

Mein Ländle / Tourismusverband Nördlicher Schwarzwald

Die Anlage des früheren Dominikanerinnenklosters Maria Reuthin in Wildberg ist teilweise erhalten und restauriert und liegt direkt am Radweg. Der ehemalige Fruchtkasten beherbergt das Museum der Stadt.
Stausee an der Nagoldtalsperre

Mein Ländle / Tourismusverband Nördlicher Schwarzwald

Stausee an der Nagoldtalsperre
Nagold

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Kleinstadtidyllen: die Stadt Nagold
Altensteig

Mein Ländle / Tourismusverband Nördlicher Schwarzwald

Kleinstadtidylle: das malerische Altensteig
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An der Erzgrube hat man auch die einzige etwas stärkere Steigung der gesamten Strecke schon hinter sich gelassen und fährt nun durch ein breites, fast unbesiedeltes Flusstal in Richtung Altensteig. Das Städtchen ist der erste größere Siedlungspunkt auf der Radstrecke und die Lage der Altstadt geradezu umwerfend; der beste Blick bietet sich von der gegenüberliegenden Flussseite zwischen Waldfriedhof und Spielberg. Erfreulicherweise wird ab Altensteig aus dem urwüchsigen Wildnisweg eine komfortable Tourenradstrecke. Alles ist nun asphaltiert und bestens präpariert, nirgendwo muss man noch auf die Verkehrsstraße ausweichen. Gemächlich fließt die Nagold weiter und wird mit jedem Flusskilometer größer. Die nächste Stadt trägt nun den Namen des Flusses selbst: Nagold. Ein idealer Haltepunkt, um zu flanieren und zu shoppen. Eine attraktive Fußgängerzone gibt es hier, Cafés und Eisdielen sowie ein großzügiges Gelände der früheren Landesgartenschau, das am Flussufer liegt.

Literarisch radeln

In Nagold wird aus dem landschaftlich schönen Talradweg eine Strecke mit künstlerischer Bedeutung, denn der Abschnitt von hier bis Pforzheim gehört zu den elf „Literarischen Radwegen“ in Baden-Württemberg, auf denen man die Spuren der Dichter und Denker im Nagold­tal erkunden kann. Die erste ist der Zeller-Mörike-Garten in ­Nagold (Emminger Straße 38), ein liebevoll renoviertes Kleinstadtidyll, in dem der Dichter Eduard Mörike (1804–1875) während eines Kuraufenthalts zu Gast war. Der Garten ist den Sommer über an Sonntagnachmittagen geöffnet. Von dort geht der Radweg in Richtung Wildberg weiter, zumeist fernab der Hauptstraße, die auf der anderen Flussseite entlangläuft. Das Wasser plätschert friedlich vor sich hin, große alte Bäume halten ihr schattiges Dach über das Ufer und gewähren auch den schwitzenden Radfahrern ein wenig Schutz vor der Sonne. „Sonne“ heißt auch der Gasthof in Wildberg, der direkt am Wasser Radfahrer willkommen heißt. Hier kann man übernachten, ebenso wie im Hotel Pfrondorfer Mühle.

Per Pedal zur Poesie

Der Streckenabschnitt Nagold – Pforzheim ist einer der „Literarischen Radwege“ in Baden-Württemberg. Den informativen Flyer dazu, „Per Pedal zur Poesie“, Blatt 10, erhalten Sie  bei den Tourist­informationen oder unter www.literaturland-bw.de.

Im Garten der Philosophen

Rund zehn Kilometer sind es von Wildberg nach Calw, wo Hesse auf besagter Brücke wartet und ein Museum auf die Spuren seines langen Lebens führt. Gerne spazierte Hermann Hesse auch nach Hirsau, zu den romantischen Ruinen des Benediktinerklosters. Die alten Mauern sind ein Traum und ein idealer Ort zum Innehalten. Das Rad darf ein wenig ruhen und die Seele ebenfalls, bevor es dann weiter in Richtung Bad Liebenzell geht. Die kleine Kurstadt an der Nagold hat Tradition und seit Neuestem sogar einen kleinen Philosophiegarten, den Sophi-Park, durch den man sein Rad schieben kann. Vorher allerdings sollte man sich im Café Badhaus direkt am Nagoldufer ein Stück Kuchen gönnen. Was dort hausgebacken auf den Tisch kommt, schmeckt einfach umwerfend. Topfeben geht die Tour weiter in Richtung Unterreichenbach. Die letzte Steigung lag kurz vor Bad Liebenzell, danach bleibt der Nagoldtalradweg flach. In Unterreichenbach wechselt er nochmals die Straßenseite, um dann links der Nagold die letzten Kilometer in Richtung Pforzheim zurückzulegen.

Nagoldtal-Radweg im nördlichen Schwarzwald

Mein Ländle/Tourismusverband Nördlicher Schwarzwald/Alex Kijak

Radtour Nagoldtal

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Echt goldig: Pforzheim

Es ist eine Radtour über alte Landes- und Dialektgrenzen hinweg: Während Calw noch auf württembergischem Gelände liegt, gehört Pforzheim schon zum historischen Herrschaftsgebiet der ­Badener. Das kann man vor allem hören: Wo am Anfang der Tour noch breites Schwäbisch geschwätzt wurde, ­reden die Menschen nun äußerst melodiös badisch daher.

Das passt zum wunderbaren Ausklang einer Radstrecke, die entlang des Nagold­ufers zwischen Unterreichenbach und Pforzheim noch einmal ein Hochgenuss ist. Zahlreiche Ufer­wiesen mit Grill- und Raststellen sind dort zu finden, ein Jammer für den, der sie einfach links liegen lässt und allzu zügig an ihnen vorbeiradelt.

Das gilt ebenso für Pforzheim: Die Goldstadt ist die einzige größere Stadt entlang des Nagoldtalradwegs. Hier kann man einkaufen gehen, die „Schmuckwelten“ besuchen und durch die Auen an der Enz schlendern, jenem Fluss, in den die Nagold schließlich mündet. Das Ende der Nagold ist demnach auch das Ende der Radtour.

Wer sich die Radstrecke in Ruhe nochmals anschauen möchte, steigt einfach in die Kulturbahn und lässt sich mit dem Rad zurück nach Calw oder Nagold bringen. Man kann dazu ja ein schönes Buch von Hermann Hesse lesen, zum Beispiel „Unterm Rad“, und sich von ihm erzählen lassen, wie es damals war, als er im Nagoldtal seine Lausbuben­streiche ausheckte.

Richtungs­entscheidung

Die beste Fahrtrichtung führt flussabwärts, von Urnagold nach Pforzheim. Der Rücktransport bis Nagold funktioniert problemlos mit der Kulturbahn. Nach Ur­nagold fährt an den Wochenenden von Mai bis Oktober ein Velobus
ab Pforzheim.

Etappen

Man kann die Strecke natürlich auch an einem Tag radeln. Genussradfahrer zerlegen sie aber in mindestens zwei Abschnitte: von Urnagold nach Nagold oder Wildberg und von Nagold oder Wildberg nach Pforzheim. Bitte beachten: Der Weg von Urnagold bis Altensteig ist nur teilweise asphaltiert.

Ein Flyer informiert über die Strecke und ihre wichtigsten Stationen, inklusive Übernachtungstipps zu Bett-und-Bike-Betrieben. Sie erhalten ihn an allen Touristinfor­mationen entlang der Strecke, bei Tourismus Nördlicher Schwarzwald oder online.

Tourismus Nördlicher ­Schwarzwald
Sonnenweg 5
75378 Bad Liebenzell
Telefon: 07052 8169770
www.nagoldtalradweg.de

Bergwerk Neubulach

Wer den Aufstieg nicht scheut, kann ein paar Kilometer abseits der Radstrecke in Neubulach (zwischen Calw und Wildberg) ein altes Silberbergwerk besichtigen.

Kloster Hirsau

Die Ruinen des Benediktinerklosters Hirsau sind einen Abstecher wert und auf der Radtour der ideale Ort für eine Rast.

Hermann Hesse

Für alle an Literatur Interessierten ist der Besuch des Hermann-­Hesse-Museums in Calw ein Muss. Den Schwerpunkt der Präsentation bilden Jugend und Kindheit des Dichters in der Stadt.

Schmuckwelten Pforzheim

In der Stadt der Goldschmiede kann man der Geschichte der Schmuckherstellung auf die Spur kommen und eine gläserne Manu­faktur erleben.