Nicht jeder hat die Möglichkeit, beim gemeinsamen Feiern ein alkoholisches Getränk zu sich zu nehmen, entweder weil er oder sie fahren muss, weil sie schwanger ist oder einfach, weil man sich gesund ernähren will. Doch ganz auf das Gefühl in der Gemeinschaft will man auch nicht verzichten. Eine Alternativmöglichkeit bieten da alkoholfreie Getränke, wie der "Heimat Vogelfrei", ein alkoholfreier Gin der Heimat Distillers aus Schwaigern. Im Interview mit Lokalmatador berichtet einer der Geschäftsführer, Rouven Richter, über den Ursprung der Idee, das Kundenfeedback und die Hürden bei der Entwicklung. 

Lokalmatador (LM): Ihr Unternehmen besteht seit fünf Generationen. Erzählen doch ein wenig zur Entwicklungsgeschichte.

Rouven Richter: Genau, die Familientradition des Destillierens reicht bereits fünf Generationen in die Vergangenheit zurück. Die Heimat Distillers haben wir Mitte 2017 mit dem Heimat-Gin als erstes Produkt gegründet. Marcel Eßlinger, Raphael Heiche und ich sind die Gründer. Mittlerweile haben wir uns um fünf bzw. bald sechs weitere Produkte und sogar fünf weitere tolle Vollzeit-Mitarbeiter vergrößert.

LM: Sie drei, Marcel Eßlinger, Raphael Heiche und Rouven Richter, sind schon lange befreundet. Inwiefern kann das bei der Arbeit helfen oder auch mal für Probleme sorgen?

Richter: In unserem Fall sehen wir das uneingeschränkt positiv, denn dadurch haben wir gegenseitig ein Grundvertrauen dem Anderen gegenüber.

Wir kennen die Stärken, aber auch die Schwächen des Anderen. Man merkt schnell, wenn es einem nicht gut geht. Und Kompromisse zu finden, ist wesentlich einfacher, denn bei einem Freund fällt es einfacherer zu sagen ‚Ich sehe das zwar anders, aber wenn du das für richtig hältst, dann machen wir das so.‘ Zusammenfassend, was gibt es Schöneres als den ganzen Tag einen Freund um sich zu haben?

Der Heimat Vogelfrei ist ein alkoholfreier Gin.

Heimat Distillers

Der Heimat Vogelfrei ist ein alkoholfreier Gin.

LM: Auf Ihrer Webseite steht bezogen auf Ihre Gin-Produkte, sie wollten einen ehrlichen Geschmack aus der Heimat in die Flasche bekommen. Zunächst ganz profan gefragt: Wie schmeckt Heimat und wie kommt die Heimat in den Gin?

Richter: „Wie schmeckt Heimat“, ist immer sehr individuell. Deshalb haben wir den Slogan „Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl“ auf die Flasche gepackt.

Unser Heimat Gefühl entspringt der sogenannten schwäbischen Toscana mit ihren weichen Hügeln, alten Hohlwegen und den wunderschönen naturbelassenen Streuobstwiesen mit altem Baumbestand. Hiervon verwende wir die Äpfel, gleichzeitig wachsen auf den sonnigen Wiesen und Weinberghängen wilder Thymian sowie Wiesensalbei. Diese drei Botanicals prägen neben Wachholder den mediterranen Geschmack des Heimat Gin.

LM: Eines ihrer Produkte ist der „Heimat Vogelfrei“, ein alkoholfreier Gin. Das ist ja doch etwas außergewöhnlich. Wie kamen Sie auf die Idee?

Richter: Das ist ganz witzig. Wir mussten Anfang 2019 eigentlich für den Dreh eines Films mit dem SWR destillieren. Zu dem Zeitpunkt hatten wir jedoch noch keine Brennerlaubnis für unsere neue Destille. Der SWR wollte aber gerne unsere neue Destille sehen. So haben wir mit dem Zoll den Kompromiss getroffen, dass wir einfach mit Wasser destillieren, damit es im Film aussieht, als würde tatsächlich destilliert werden.

Wir haben auch wie beim echten Gin Kräuter hinzugegeben.

Eigentlich dachten wir alle, das gibt Müll, aber: Das Ergebnis war besser als gedacht. Rückblickend betrachtet war das die Initialzündung. Wir haben erkannt, dass wir mit Wasserdampf Botanicals destillieren und dadurch alkoholfreien Gin herstellen können. Die Idee ist also tatsächlich zufällig entstanden.

LM: Was genau versteht man unter dem Begriff Botanicals?

Richter: Botanicals sind natürliche Drogen, die dem Gin hinzugefügt werden. Dazu gehören Wurzeln, Kräuter, Rinden, Zimt, Wachholder oder Gewürze. Also alle botanischen Zutaten, die für den Gin verwendet werden nennt man Botanicals.

Das Destillieren ist eine umfangreiche Aufgabe.

Heimat Distillers

Das Destillieren ist eine umfangreiche Aufgabe.

LM: Welche Hürden gab es bei der weiteren Entwicklung?

Richter: Nach der Idee kam natürlich noch eine sehr lange Entwicklungszeit, weil das Ganze sehr diffizil ist. Es gab noch eine Menge Stolpersteine, wie zum Beispiel die Haltbarkeit eines Produktes.

LM: Gab es Momente, wo Zweifel aufkamen, ob das funktioniert?

Richter: Das war schon ein Auf und Ab. Es gab immer wieder die Zweifel, ob der Markt für dieses alkoholfreie Produkt vorhanden ist oder ob das überhaupt unser Metier ist. Außerdem ist es produktentwicklungstechnisch ganz weit weg vom klassischen Gin. Man destilliert den alkoholfreien Gin zwar auch, aber das ist viel diffiziler und war ja absolutes Neuland für uns. So haben wir haben eine Menge dazu lernen müssen und es gab für uns immer wieder mal Momente, wo wir überlegt haben, ob wir das wirklich so hinkriegen. Schmeckt das später auch? Ist das haltbar? Sollen wir es lieber sein lassen?

Aber nein, wir haben uns dann gesagt: ‚Es gibt den Markt dafür, es gibt Leute, die es brauchen, egal ob sie schwanger sind oder bewusst auf Alkohol verzichten, sich gesund ernähren wollen.‘ Schlussendlich sind wir sehr froh, dass wir es durchgezogen haben.

LM: Inwieweit unterscheidet sich der alkoholfreie Gin geschmacklich vom klassischen, alkoholhaltigen Gin?

Richter: Vorneweg, unser Vogelfrei soll nicht den Heimat Gin in Alkoholfrei kopieren, sondern ist ein eigenständiges Produkt.

Der Hauptunterschied ist natürlich der, dass kein Alkohol drin ist. Alkohol ist zum einen ein wunderbarer Geschmacksträger. Den Unterschied merken Sie, wenn er fehlt. 

Auch das Geschmacksgefühl vom Alkohol, dieses Prickeln im Mund, das ist sehr schwer nachzuempfinden. In unserm Fall versuchen wir das durch einen Ingwer- und Chili-Mazerat, das eine prickelnde Schärfe erzeugt. Ich finde, das ist uns auch sehr gut gelungen.

Zum anderen ist der Alkohol ein Aromalöser, da er die Zellwände der Drogen aufspaltet. Fehlt er, benötigt es sehr intensive Botanicals, um das auszugleichen. Wir haben dafür natürlich eine mediterrane Note als vorherrschende Note eingebaut, was auch sehr gut funktioniert, weil gerade unser Wiesenthymian vom Geschmack her durch das langsame Wachstum sehr intensiv ist. Wenn man diese Dinge berücksichtigt erhält man ein Ergebnis, welches im Gin Tonic zum Beispiel einem „normalen „Gin zum Verwechseln ähnlich wird.
 

Für den Gin sind vor allem die Botanicals, also botanischen Zutaten wichtig.

Heimat Distillers

Für den Gin sind vor allem die Botanicals, also botanischen Zutaten wichtig.

LM: Wie würden Sie ihre Zielgruppe beschreiben?

Richter: Einerseits eben Schwangere, welche nicht auf einen schönen Abend mit leckeren Gin Tonics verzichten wollen, aber auch ganz einfach der Fahrer. Wenn man z.B. mit Freunden weggeht, gibt es ja irgendwie immer einen, der fahren muss. Und somit seither das Los der lieblos servierten lauwarmen Cola gezogen hat. Oder aber ernährungsbewussten Menschen, die bewusst auf Alkohol verzichten wollen. Hier schaffen wir überall klare Abhilfe.

NM: Seit wann ist der alkoholfreie Gin auf dem Markt?

Richter: Seit Juli 2020.

LM: Wie ist so das Kundenfeedback. Gab es da erstmal Skepsis?

Richter: Da gibt es immer zwei Lager. Das eine Lager sind diejenigen, die sagen, ,Alkoholfreier Gin, wofür brauche ich das eigentlich?‘. Diese Stimmen werden jedoch immer weniger. Der Großteil der Stimmen ist tatsächlich eher so: "Super, wenn ich fahren will, kann ich alkoholfrei trinken". Gerade auch Frauen, die schwanger werden, sind immer super Happy, dass sie, wenn sie mit ihren Mädels weggehen, auch einen Gin Tonic trinken können. Das sind die dankbarsten und glücklichsten Kundinnen. 
In der Summe bekommen wir ein sehr gutes Feedback. Man muss natürlich dazu sagen, das Produkt ist im Normalfall nicht zum Purtrinken gedacht. Es ist für einen  Gin-Tonic oder Gin-Cocktails gemacht. 

Rezept: vogelfrei Tonic

vogelfrei TONIC mit alkoholfreiem Gin

HEIMAT Distillers

Der vogelfrei Tonic ist ganz einfach gemacht und schmeckt superlecker.

vogelfrei Tonic

  • 8 cl HEIMAT vogelfrei
  • 150 ml Tonic Water
  • reichlich Eis
  • Rosmarinzweig

Cheers!

Den "Herbal Habitat" Drink mit alkoholfreiem Gin gibt's hier

LM: Wie genau funktioniert die Herstellung des alkoholfreien Gins, wenn Sie da ein wenig im groben die einzelnen Arbeitsschritte, auch im Vergleich zum klassischen Gin, beschreiben würden?

Richter: Wenn man einen Gin herstellen möchte, muss man Alkohol mit über 96% hinzukaufen, das ist in der Spirituosenverordnung vorgeschrieben. Zuerst setzt wir in diesen sogenannten Neutralalkohol die Botanicals für 36 Stunden an, das nennt man die Mazeration. Anschließend kommt das Mazerat sowie ein Aromakorb gefüllt mit weiteren Botanicals in die Destille und wird dort schonend destilliert. Diese funktioniert auf  Basis der physikalischen Gesetzmäßigkeit, dass Alkohol eine niedrigere Verdampfungstemperatur als Wasser hat, nämlich 78,3 Grad. Da Alkohol wie bereits erwähnt ein guter Geschmacksträger ist nimmt dieser die Aromen der pflanzlichen Drogen auf und transportiert diese bei stetig steigender Hitze in der Destille aufwärts und somit durch die sogenannte Kolonne und das Geistrohr zur Vorlage, dem Ausgang der Destillieranlage. Anschließend lagert der Roh-Gin dann nochmal etwa ein viertel Jahr in einem Steinzeug-Krug. Danach wird er runtergerichtet, nochmals gelagert und zum Schluss in unsere Steinzeugflaschen abgefüllt. Das ist grob der Entstehungsprozess unseres Gins. 

Beim alkoholfreien Gin ist es wiederum so, dass wir zum einen Hydrolate also mit Wasserdampf destillierte Botanicals und zum anderen Destillate und Mazerate verwenden. Das ist nötig, um das komplette Aromaspektrum eines „normalen“ Gins alkoholfrei nachzuempfinden. 

Alkoholfrei bedeutet per Definition ein Alkoholgehalt welcher geringer als 0,5% ist. Das entspricht einer reifen Banane oder einem Fruchtsaft, welcher circa einen Tag geöffnet ist.

Rouven Richter, Raphael Heiche und Marcel Eßlinger, die drei Gründer der Heimat Distillers, bringen gern die Heimat, also die frischen Zutaten der Streuobstwiesen, in die Flasche.

Heimat Distillers

Rouven Richter, Raphael Heiche und Marcel Eßlinger, die drei Gründer der Heimat Distillers, bringen gern die Heimat, also die frischen Zutaten der Streuobstwiesen, in die Flasche.

LM: Zu guter Letzt noch: Wie kamen Sie auf den Namen „Heimat Vogelfrei“?

Richter: Das Wort vogelfrei war früher bezogen auf Menschen, welche frei vom Gesetz waren und somit frei von Konventionen oder Normen lebten. Genauso verhält es sich mit unserem Vogelfrei. Als Alkoholfreie Spirituose entspricht er nicht unseren alt dahergebrachten Vorstellungen, sondern definiert diese neu, vogelfrei eben. Aber es ist auch ein Wortspiel, vogelFREI von Alkohol. 

Inzwischen gibt es doch einige alkoholfreie Gins. Aber als wir damals begannen, gab es nur einen anderen alkoholfreien Gin-Produzenten in ganz Deutschland. Das war damals noch eher out of the vogue. Es gibt hierzulande auch keine konkreten Regularien zu alkoholfreien Spirituosen. Deshalb das Thema vogelfrei, also etwas zu starten, wofür es noch keine Gesetze und Regeln gibt. 

Aber wir starteten damit, weil wir davon überzeugt waren und sind. So überzeugt, dass es schon bald eine neue Variante des Vogelfrei geben wird.

Einblicke in die Arbeit der Heimat Distillers