Die Betonnadel: Mehr Wahrzeichen geht nicht

Kommen Sie mit auf Stuttgarts berühmtesten Turm?

Extrem. Das ist vielleicht die richtige Bezeichnung. Extrem schön, ­extrem hoch, extrem weit. Der Wind bläst immer, und die Aussicht von dort oben ist bei schönem Wetter atemberaubend. Einmal alle zwei Monate ist der Besuch ein Muss für mich. Er ist der älteste und der allerschönste überhaupt, der Stuttgarter Fernsehturm.

Stuttgart - Landeshauptstadt mit weitem Horizont

Der immerwährende Besuchermagnet ist stattliche 65 Jahre alt und gehört zur Landeshauptstadt wie kaum etwas anderes – und, da ich bei seinem Besitzer, dem SWR arbeite, auch ein bissle mir. Er ist das Wahrzeichen der Stadt, des Landes, der Schwaben.

Sonja Faber-Schrecklein

MEIN LÄNDLE

Sonja Faber-Schrecklein kennt das Ländle wie ihre Westen­tasche. Nicht nur durch ihre Arbeit als Journalistin und Moderatorin für den SWR, sondern auch ganz privat. Für Mein Ländle und uns hat sie ihre schönsten Erlebnisse an den originellsten Plätzen gesammelt.

Warum es ihn überhaupt gibt? Als 1952 das Fernseh-Zeitalter begann, war es um den Empfang im Stuttgarter Talkessel schlecht bestellt. Ein Funkmast musste her, so viel wusste man damals schon, der sollte es richten. Doch wo hinstellen, und wie soll er aussehen? Zuerst wollten die Verantwortlichen einen Stahlgittermasten in der südlichen Halbhöhenlage Bopser errichten. Es gab aber Bedenken wegen möglicher Eisbildung im Winter. Da kam einer auf eine revolutionäre Idee: der Brücken- und Hochbauingenieur Fritz Leonhardt.

Der sprühte vor Enthusiasmus bei seinem Ansatz, einen Betonturm mit Restaurant und Aussichtsplattform zu errichten. Kostenpunkt: 400 000 Mark, für damalige Verhältnisse ein horrender Preis. Dennoch überzeugte das Konzept. Der Baubeginn fiel in den Juni 1954, begleitet sowohl von Protesten als auch von skurrilen Ideen. Die einen wollten dem Fernsehturm einen zehn Meter großen Mercedes-Stern aufsetzen, wieder andere Produktwerbung von Bosch oder anderen Unternehmen draufpappen.

Ein Reklame-Vorschlag sah sogar vor, den Turmkorb zum Joghurtbecher umzugestalten! Man stelle sich vor: Der Fernsehturm im Himbeer-Sahne-Gewand, die Antenne ein Löffel – die spinnen, die Schwaben! Damals sprachen meist bauliche Gründe gegen die Umsetzung. Heute ist solcher Firlefanz schon aus denkmalschützerischen Gesichtspunkten undenkbar.

Video: Schmetterlingseffekte // Stuttgarter Fernsehturm (Geschichtliches zur Betonnadel)

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Festgemauert in der Erde: Die Betonnadel in Stuttgart

Als SDR-Intendant Eberhard die damals von den Stuttgartern erst abschätzig, später liebevoll bezeichnete „Betonnadel“ am 5. März 1956 eröffnete, hatte er einen Wunsch und die große Hoffnung: „Möge der Turm … dazu helfen, die Menschen in der ganzen Welt einander näherzubringen.“ Das hat über die Jahrzehnte geklappt. Nur passierte schon gleich bei dieser Einweihungsfeier ein kräftiger Fauxpas, der fast den damaligen SDR (Süddeutschen Rundfunk) und den Ingenieur entzweit hätte. Für Fritz Leonhardt sah das Protokoll nämlich keine Rede vor, obwohl der ausdrücklich drum gebeten hatte, eine halten zu dürfen. Sogar sein reservierter Platz war besetzt. Die Wiedergutmachung des Senders: ein lebenslang gültiger Ausweis zum kostenlosen Besuch seines Turms. Den hat er angenommen und ausgiebig genützt.

Der Stuttgarter Fernsehturm ist bis heute eine architektonische Besonderheit, und jedes Mal, wenn ich davorstehe und nach oben schaue, bin ich begeistert. Wie filigran das Bauwerk ist. Und trotzdem so stabil. Der erste Betonfernsehturm der Welt hat von seinem Architekten und Bauingenieur eine Basis unter der Erde bekommen. Zum einen für die Stabilität, zum anderen der Ästhetik wegen: Das klobige Fundament ist buchstäblich vom Erdboden verschwunden, es liegt drunter. Die Höhe, die Größe, die Statik – der Turm ist schon eine Wucht. Apropos: Sein Gesamtgewicht liegt bei 4500 Tonnen, die Erd-Last auf das Fundament beträgt 3000 Tonnen. Turmkorbbewegung bei Sonne: bis zu 17 Zentimeter zur Schattenseite hin. Beeindruckend, gell?!

Video: Stuttgarter Fernsehturm (So funktioniert die Betonnadel)

Der Stuttgarter Fernsehturm steht auf der Waldau, einem Degerloch vorgelagerten Waldstück. Hinkommen ist eigentlich ganz einfach: Mit dem Auto auf der A 8 und der B 27, Adresse: Jahnstraße 120, 70597 Stuttgart. Parkplätze sind direkt vor der Tür. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln: Vom Hauptbahnhof mir der U-Bahn-Linie U7 oder U15 bis Haltestelle Ruhbank (Fernsehturm) fahren. Mein extra Tipp: Die U15 nehmen und an der in Fahrtrichtung rechten Fensterseite hinsetzen, denn die Tram schlängelt sich den Talkessel entlang nach oben und bietet immer wieder grandiose Ausblicke auf die Landeshauptstadt.

Himmelwärts: Auf der Betonnadel

Am Fuße des Stuttgarter Fernsehturms kriegt man die Eintrittskarten und allerlei Souvenirs. Im Innern herrscht zum Teil noch ein bisschen der Charme der 1950er-Jahre, das ist aber grade sehr trendy; also ist der Turm trotz seines fortgeschrittenen Alters modern wie nie. Ein Aufzugführer bringt Sie auf die erste Aussichtsplattform auf 150 Meter Höhe. Gerne erzählen die Kollegen, wie oft am Tag sie den Aufzug bedienen, welche interessanten Promis sie schon sicher von unten nach oben und andersrum gefahren haben und dass es gleich draußen kalt und windig wird. Stimmt übrigens, nicht nur auf der Schwäbischen Alb ist es immer einen Kittel kälter. Hier oben auch.

Der Stuttgarter Fernsehturm wird auch "Betonnadel" genannt

MEIN LÄNDLE/AdobeStock/hunterbliss

Weil der Fernsehturm in Stuttgart der erste dieser Art war, wurde er im Oktober 2021 beim nationalen Vorauswahlverfahren zum UNESCO-Weltkulturerbe eingereicht.

Auf der ersten Aussichtsplattform kommt dann das Wow-Erlebnis: Rundum kann man gucken, bis ins Gäu, ins Neckartal, Richtung Löwensteiner Berge, ins Heckengäu, auf die Schwäbische kalte Alb und – wenn man richtig Glück hat – sogar zu den Vogesen, zum Südschwarzwald und zu den Alpen. Gigantisch. Übrigens, für alle, die nicht ganz schwindelfrei sind: Das ist kein Problem. Durch die Korb-Form des Fernsehturms sieht man nicht direkt nach unten und kann deshalb in aller Ruhe den Blick in die Region genießen – der  in den Wintermonaten natürlich noch besser ausfällt, weil die vielen Laubbäume kahl sind.

Wer ein bisschen mehr Kitzel will, steigt nochmal drei Meter höher auf die obere Plattform und sieht noch besser. Jetzt haben Sie sich ein Stückchen Kuchen wirklich verdient und mit ein bisschen Glück im Panoramacafé ein Plätzchen ergattert. Kaffee und Torte bei bester Sicht – was braucht der Mensch mehr in dieser Situation.

Noch ein wenig unnützes Wissen gefällig? Seit 2005 hat die Aussichtsplattform eine Fußbodenheizung, damit sie in eben den Wintermonaten frei von Eis und Schnee bleibt … Eigentlich hätte der Fernsehturm wegen der Flugsicherung weiß-rot gestreift sein sollen, hat aber drei neuartige rotierende Drehlinsenfeuer bekommen, die ihn nachts wie einen Leuchtturm aussehen lassen. Der Fernsehturm ist übrigens wirklich im Rentenalter: Seit 2006 wird kein Fernsehprogramm mehr von dort ausgestrahlt. Der benachbarte Fernmeldeturm auf dem Frauenkopf hat übernommen.

Ausflug zur Betonnadel

Das preisgekrönte „Historische Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“ ist immer einen Ausflug wert. Vielleicht sehen wir uns dort? Ich freu mich auf Sie!

Ausflugsziel Fernsehturm Stuttgart