Klar hängen an Monika Merks Wäsche­leine auch Kleider oder Bettwäsche. Im Garten am Stadtrand trocknen aber auch so seltsame Dinge wie Bundeswehrzelte, Sofabezüge oder ein Feuerwehrschlauch. Längst hat sich auch ihr Mann daran gewöhnt. Die Sachen sind zwar sauber, weisen aber doch Gebrauchsspuren auf. Das stört Monika Merk aber keineswegs. Im Gegenteil. Dass diese Dinge hier und da abgenutzt und verblichen sind oder gar Risse haben, macht sie für die kreative Tettnangerin erst richtig interessant. Denn jedes Stück hat seine Geschichte.

Schlauchboot-Teile als Arbeitsmaterial

MEIN LÄNDLE, Viola Krauss

Ein ausgemustertes Schlauchboot dient als Arbeitsmaterial

Das gilt auch für die Taschenproduktion: Eine alte Jeans gab 2009 den Anstoß dafür. Tragen wollte Monika Merk die Hosen nicht mehr. Wegwerfen war aus sentimentalen Gründen jedoch undenkbar. „Ich habe mir dann eine Tasche daraus genäht“, erinnert sich die 60-Jährige mit den blitzenden Augen. Damals waren Begriffe wie Nachhaltigkeit und Upcycling noch nicht in aller Munde.

„Ich bin schon lange davon überzeugt, dass wir Müll vermeiden und Dinge mindestens ein zweites Mal in Umlauf bringen sollten“, betont die Mutter zweier erwachsener Söhne. „Vieles kann man mehrfach nutzen, oft auch in einer anderen Funktion. Kleidung lässt sich reparieren oder umarbeiten, es ist nicht immer etwas Neues nötig.“ Die gelernte medizinisch-technische Assistentin und Bürokraft macht genau das seit vielen Jahren.

Monika Merks arbeitet an der Nähmaschine

MEIN LÄNDLE, Viola Krauss

Es war einmal ein Bundeswehrzelt: Letzte Stiche mit der Nähmaschine

Ein paar Stunden und fünf Nähmaschinen

Mit 16 Jahren lernte sie von ihrer Mutter das Nähen. Seither ist das Hobby aus ihrem Leben nicht mehr wegzudenken. Die Ideen kommen ihr, sobald sie ein ausrangiertes Stück sieht. Zur Umsetzung benötigt sie – ohne die Reinigung und Vorbereitung des Materials – zwischen zwei und vier Stunden sowie bis zu fünf Nähmaschinen, darunter auch die „Pfaff“ ihrer Mutter, die rund 70 Jahre auf dem Buckel hat.

In ihrem Reich im Untergeschoss ihres Hauses entstehen im Jahr zwischen 300 und 400 Umhängetaschen, Shopper, Clutches, Rucksäcke, Notebook- und Handyhüllen und Täschchen. Unter dem Label M-KA finden sie über Märkte und einen Online-Shop zu ihren neuen Eigentümern, übrigens sind das nicht nur Frauen.

Stapel aus alten Herrenhemden

MEIN LÄNDLE, Viola Krauss

In den Regalen lagern ausgediente Herrenhemden fürs zweite Leben als Taschen-Innenfutter

In ihrer Schatzkammer liegen auf Dutzenden Regalbrettern alte zusammengefaltete Jeans in allen Größen. Gegenüber lagern verblichene Korn- und Hopfensäcke, Decken, Gardinenstoffe und Bettwäsche – blau, grün, rot, wild gemustert, brav gestreift oder mit grafischen Elementen. In Kartons säuberlich aufgerollt warten alte Sicherheitsgurte, die zu Trageriemen werden. Auf dem Boden vor den Regalen stapeln sich Herrenhemden, die zu Innenfutter vernäht werden. Die Täschnerin geht daran vorbei, greift auf Augenhöhe ins Regal und faltet einen Bundeswehr-Poncho auseinander. Begeistert erklärt sie mögliche Kombinationen mit Fahrradschläuchen und einem poppigen Farbdetail.

Monika Merks zeigt eine Schullandkarte

MEIN LÄNDLE, Viola Krauss

Monika Merks Ideen sind vielschichtig: außen Schullandkarte innen Herrenhemd

Kaum hat sie das gute Stück wieder verstaut, taucht sie mit einer großen Rolle aus dem hinteren Eck des beengten Materiallagers auf. Nach wenigen Handgriffen ist klar, um was es sich handelt: eine ausgediente Relief-Schulkarte von Süddeutschland. Mit geübtem Blick und erfahrenen Händen schenkt Monika Merk der Landkarte ein neues Leben. Fast alles lässt sich verwenden. Sie sieht unendlich viele Möglichkeiten, wo andere nur eine alte Werbeplane oder eine zerrissene Decke sehen.

Zum Wegwerfen zu schade

Die Nachhaltigkeits-Königin hat dafür ihre ganz eigenen „Quellen“. So wie eine Frau, die ihr einen samtweichen, moosgrünen Lederponcho gebracht hat. „Zum Wegwerfen fand sie das gute Stück zu schade.“ Andere sind zu Freunden geworden, die sich bei entsprechenden Entdeckungen melden. Durch Zufall bekam sie vor einiger Zeit Leinenstoffe aus einer alten Weberei angeboten. Mit einem ganzen Kofferraum davon fuhr sie wieder nach Hause.

Abenteuer eingenäht 

Ihre Intuition ist maßgeblich an der Entstehung der Taschen und Rucksäcke beteiligt – besonders beim Kombinieren der Materialien und Farben. Es darf gerne mal etwas knalliger sein. „Hin und wieder geht auch der Gaul mit mir durch. Interessanterweise verkaufen sich die schrägsten Sachen sogar am besten“, sagt sie lachend. Zu regelrechten Lieblingstücken haben sich nicht nur die Taschen aus Tettnanger Hopfensäcken entwickelt, auch die Exemplare aus den Relief-Landkarten sind regelrechte Renner. „Häufig will jemand ein bestimmtes Land oder eine Region, aus denen eine Tasche werden soll“, schmunzelt sie.

Ein Koffer voll mit Upcycling-Handy-Hüllen

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Geschichte im Gepäck: Taschen, Handyhüllen und Clutches mit bunter Vergangenheit

Dennoch gilt bei allen Produkten: Kein Exemplar gleicht dem anderen, auch wenn die 60-Jährige gern mal ganze Serien in einem Rutsch näht. Und: Was weg ist, ist weg. Ihr neuestes Projekt: Rucksäcke aus alten Schlauchbooten oder faltbaren Kanus. „Ein Bootsbauer hier aus der Nähe kam deshalb auf mich zu. Üblicherweise repariert er ramponierte Exemplare. Doch es gibt auch welche, deren Zeit auf dem Wasser eindeutig um ist“, erzählt sie. Eine Reparatur kann der Bootsbauer den Kunden dann nicht mehr anbieten, doch mit Monika Merks Hilfe kann er ihnen die Verwandlung zu einem brauchbaren Begleiter an Land empfehlen.

„Da stecken Erinnerungen, Erlebnisse und so manche Abenteuer drin“  (Monika Merks)

Oft sind es nicht nur die Taschen, die den Kunden Freude machen. Es sind die Geschichten, die das Ausgangsmaterial sozusagen mit im Gepäck hat. „Da stecken Erinnerungen, Erlebnisse und so manche Abenteuer drin.“ Das stellte Monika Merk schon bei ihrer ersten Tasche aus der eigenen heißgeliebten alten Jeans fest.

Upcycling-Tasche mit Anhänger

MEIN LÄNDLE, Viola Krauss

Ein Anhänger verrät etwas über das Ausgangsmaterial

Vor einiger Zeit hat die Täschnerin aus der Motorradjacke eines Vaters zwei Taschen für dessen Töchter genäht. Mit Tränen in den Augen habe ihr die Kundin bei der Abholung gesagt: „Sie hätten uns keine größere Freude machen können.“ Freude und vor allem Zufriedenheit erfüllt Monika Merks natürlich auch, wenn ihr Mann beim Stadtbummel mit ihr etliche Kilometer von zuhause entfernt sagt: „Schau mal, da läuft wieder eine deiner Taschen.“ Das heißt schließlich nicht nur, dass ihr Mann Turnmatte oder Kornsack von der Wäscheleine wiedererkennt; es bedeutet vor allem, dass immer mehr Menschen ihre nachhaltigen Ideen buchstäblich mittragen.

Lust auf ­tragbare Nachhaltigkeit?

Monika Merks Portfolio ist vielfältig: von Handy-, E-Book- und ­Tablett-Hüllen über Gürteltaschen, Damen- und Herrentaschen in vier verschiedenen Größen bis hin zu Business-Taschen, Ruck­säcken oder sogar Kamerataschen. Informationen unter www.mka-kreativ.de

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