Trotzdem ist bis heute nicht alles zusammengewachsen, was zusammengehören könnte. Eine Vernunftehe mit goldener Hochzeit im Jahr 2022.

Manche nannten die Zusammenlegung der Städte Villingen und Schwenningen einen Schildbürgerstreich. Ein Besuch in der Doppelstadt.

Ein Bächle fließt durch in Villingen Schwenningen

MEIN LÄNDLE/Jean-Claude Winkler

Ein Bächle weist den Weg zum Villinger Münsterbrunnen.

Villingen im Schwarzwald, eine alte, vom Patriziat geprägte Reichsstadt – badisch, katholisch. Schwenningen, die Arbeiterstadt am Neckar, von der Uhrenindustrie dominiert – württembergisch, evangelisch. Größer hätten die Gegensätze zweier Städte im Ländle nicht sein können. Aber seinerzeit vereinte man sie par ordre du mufti. In manchen Köpfen ist auch nach fünf Jahrzehnten das Strichlein zwischen den Städten kein Binde-, sondern ein Trennstrich. Zwischen beiden Teilstädten liegt der Ort Zollhaus, den einige gerne reaktivieren würden – wenn auch nur zum Spaß.

Immerhin hat die Feindschaft Tradition: Anno 1525, während der Bauernkriege, griffen die Villinger das Dorf Schwenningen an und brannten es nahezu vollständig nieder. Das sitzt tief, immer noch. Aber im Großen und Ganzen kommt man gut miteinander aus. Dennoch gibt es vieles doppelt. Die Sportvereine etwa gehören verschiedenen Landesverbänden an, die Kirchengemeinden zu unterschiedlichen Bistümern und Landeskirchen. Und dann wäre da noch die Sache mit den unterschiedlichen Vorwahlen …

Grenztafeln zwischen Baden und Württemberg in Villingen-Schwenningen

MEIN LÄNDLE/Jean-Claude Winkler

Die Grenztafeln Württembergs und Badens standen ursprünglich an der Grenze Richtung Bad Dürrheim und sind heute im Heimatmuseum zu sehen.

Schon die Geschichte der beiden Teilstädte ist sehr unterschiedlich. Eine Gemeinsamkeit gibt es aber schon ganz am Anfang, nämlich die erste urkundliche Erwähnung durch Kaiser Ludwig den Frommen 817. Damit begann in beiden Orten eine wechselvolle Geschichte, die den Bürgern ständig neue Herrschaftszugehörigkeiten bescherte. 1119 gründeten die Zähringer Villingen neu. Nach dem Aussterben des schwäbischen Geschlechts – sie stammen von der Limburg bei Weilheim/Teck – wurde Villingen 1218 Reichsstadt, verlor die Reichsfreiheit wieder und wurde an Österreich verkauft. Bis 1805 gehörte es zu Vorderösterreich, um nach einem einjährigen Intermezzo von Württemberg an Baden überzugehen.

Schwenningen war etwas beständiger: 1444 kam es zum Herzogtum Württemberg und blieb dort. 1907 wurde es als größtes Dorf Württembergs zur Stadt erhoben. Erst mit der Gründung des Südweststaates Baden-Württemberg vor 70 Jahren gehörten beide Städte einem gemeinsamen Hoheitsgebiet an. So viel zum politischen Terrain.

Grenztafel Baden in Villingen-Schwenningen

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"Sie befinden sich jetzt in der Republik Baden"

Geologisch betrachtet, zieht sich westlich Villingens von Norden nach Süden die sogenannte Buntsandsteingrenze, eine alte Siedlungsgrenze, die den damals unzugänglichen Schwarzwald von der offenen Landschaft der Baar trennte. Die Baar wiederum ist das Übergangsgebiet zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb.

Mehrere Belagerungen Villingens im Dreißigjährigen Krieg und im Spanischen Erbfolgekrieg durch die Franzosen blieben erfolglos. Die Schäden hielt sich im reparierbaren Rahmen. So weist Villingen heute eine wunderbar erhaltene Altstadt auf, die durch zwei kreuzweise verlaufende Magistralen, die Brunnenstraße und die Niedere Straße, geprägt sind.

Grenztafel von Württemberg in Villingen-Schwenningen

MEIN LÄNDLE/Jean-Claude Winkler

"Sie befinden sich jetzt im Königreich Württemberg"

An deren Ende und Anfang sitzt jeweils ein Torturm. Riettor, Bickentor und Oberes Tor. Lediglich in der Niederen Straße bei der Neuen Tonhalle hat man das Tor abgerissen. Dafür gibt es weitere herausragende Türme. Zum Beispiel den Romäusturm im Riet, der alljährlich an der Fasnet der 150-jährigen Katzenmusik „Miau“ zur Erweckung des Katers „Miau“ dient. Auch die beiden Türme des frühgotischen Münsters Unserer lieben Frau, der Kaiserturm und der romanische Turm der Johanneskirche, einer ehemaligen Johanniterkirche aus dem 13. Jahrhundert, der Elisabethenturm, ein ehemaliger Wachturm, das Pulvertürmle und das Glockenhiisli ragen steinern in den Himmel. Sie ergänzen die fast völlig erhaltene Stadtmauer zu einem mittelalterlichen Gesamtensemble, das dennoch modern und weltaufgeschlossen wirkt.

Doch schön ist Villingen nicht nur entlang der beiden Magistralen. Der eigentliche pittoreske Liebreiz offenbart sich in den verwinkelten, romantischen Gässle. Viele Häuser sind liebevoll restauriert und herausgeputzt. Die Innenstadt ist nahezu autofrei. Warum? Es gibt keine Parkplätze und die beiden Hauptstraßen sind Fußgängerzonen. So einfach geht das.

Statue des Narro-Brunnen Villingen-Schwenningen

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Der Narro-Brunnen zeugt das ganze Jahr über von der Strahlkraft der Villinger Fasnet.

Fasnet in Villingen-Schwenningen: Die getrennten Wege von Narro und Hansel

Auch wenn nach 50 Jahren Stadtehe vieles gut läuft – an der Fasnet geht man getrennte Wege. Villingen mit seiner altehrwürdigen Narrozunft, die über 6000 Mitglieder zählt, ist die einzige Stadt im Ländle, die ihre Fasnet ausschließlich innerhalb der eigenen Stadtmauern feiert. Dabei wurde 1924 auf ihre Anregung hin die Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte gegründet, um den Fasnetsverboten gemeinsam entgegenzutreten.

Fastnachtsbräuche in Baden-Württemberg

1955 ist die Zunft ausgetreten und beschloss, nicht mehr an Narrentreffen teilzunehmen. Das ist ein Standpunkt. Einen gegenteiligen vertritt die Narrenzunft Schwenningen, die Mitglied der närrischen Vereinigung ist und mit ihrer Hauptfigur, dem Hansel, gerne an Narrentreffen außerhalb der Stadt teilnimmt. Wer sich darüber ein genaueres Bild machen möchte, dem sei ein Besuch im Franziskanermuseum beim Riettor empfohlen. Die Sammlung zur Stadtgeschichte bietet einen umfassenden Einblick in die Fasnet mit der größten Strahlkraft im Ländle.

Eingang des Uhren- und Industriemuseums in Villingen-Schwenningen

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Hier geht’s zum Uhren- und Industriemuseum

Der Zahn der Zeit nagt an Villingen-Schwenningen

In Schwenningen ticken die Uhren etwas anders. Die Teilstadt mit dem Schwan im Wappen ist eine Arbeiterstadt, die von der Uhrenindustrie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geprägt wurde. 1858 wurde die erste Uhrenfabrik für tragbare Nachtwächterkontrolluhren gegründet. Weitere Fabriken folgten. Um gut ausgebildeten Arbeiternachschub zu gewährleisten, gründete man vorausschauend 1900 die „Königlich Württembergische Fachschule für Feinmechanik, Elektromechanik und Uhrmacherei“, die heutige Staatliche Feintechnikschule. Das führte zu innovativen Entwicklungen.

1963 wurde von der Uhrenfabrik­Kienzle die erste Solaruhr, 1972 die erste batteriebetriebene Uhr und das erste Quarzwerk produziert. Kein Wunder also, dass man sich in Schwenningen noch Mitte des 20. Jahrhunderts als „größte Uhrenstadt der Welt“ brüstete. Doch Hochmut kommt vor dem Fall. In den 1970er-Jahren ging es bergab mit dem mechanischen Zweig der Branche: durch Einführung der Quarzuhrwerke. Das Heimat- und Uhrenmuseum zeugt heute noch von der einstigen erfolgreichen Epoche.

Mehr Infos zum Uhrenindustriemuseum Villingen-Schwenningen

Restauriertes historisches Fachwerkhaus in Schwennningen

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In Schwenningen stehen äußerst hübsche und fein restaurierte Kleinode.

Dennoch ist die Zeit hier nicht stehen geblieben, und es dreht sich auch nicht alles um die Industrie. Viel Grün bietet die Stadt zum Beispiel im Naturschutzgebiet Schwenninger Moos. Auch die umliegenden eingemeindeten Weiler laden zum Naturgenuss ein. Die Naturschutzgebiete Tannenhörnle und Plattenmoos bei Pfaffenweiler weisen eine seltene Flora und Fauna auf. Im Teilort Tannheim steht die Kinderkrebsnachsorgeklinik, für die sich Mein Ländle-Kolumnistin Sonja Faber­Schrecklein schon seit Jahrzehnten engagiert und wohin auch ihr Autorenhonorar als Spende fließt. Ein feiner Zug.

Vom feinen Zug zum feinen Flug …

… den der bekannte Skisprungweltmeister Martin Schmitt so manches Mal abliefert. Seine Heimat ist ebenfalls der Teilort Tannheim. Kein Wunder, spielt doch die Fliegerei in der Doppelstadt eine Rolle: Im Internationalen Luftfahrtmuseum in Schwenningen sind rund 40 zum Teil noch flugfähige historische Flugzeuge ausgestellt. Und damit flugs zurück nach Schwenningen.

Auf eines können die dort Heimischen wirklich stolz sein: Mitten im Stadtpark Möglingshöhe ist die Quelle des Neckars, der sich auf 367 Kilometern Länge durchs Ländle schlängelt und sich in Mannheim „em Rhei versäuft“, wie es der Rottenburger Mundartdichter Sebastian Blau schrieb. Aus einem unscheinbaren Quellstein, der zur Landesgartenschau 2010 installiert wurde, sprudelt munter die Hauptquelle des Neckars, dessen Ursprung eigentlich im nahen Schwenninger Moos liegt.

Kirchtürme des Münsters unserer Lieben Frau in Villingen-Schwenningen

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Die Türme des Münsters Unserer lieben Frau ragen markant in den Baaremer Himmel.

Einmal vor Ort, sollte man sich auf jeden Fall das Mosaik von August Babberger mit dem Titel „Krieg und Frieden“ am Schwenninger Rathaus sowie die ehemalige Sankt-Vincenz-Kirche als älteste evangelische Kirche Schwenningens ansehen. „Das Ganze ist mehr als die Summe der Einzelteile“, sagte einer der berühmtesten Philsophen der klassischen Antike, Aristoteles.

Und genau das trifft auf die Doppelstadt ViIllingen-Schwenningen zu.

Goldene Hochzeit 2022

In diesem Jahr feiert die Doppelstadt goldene Hochzeit. Darauf kann man schon ein bissle stolz sein, auch wenn man von Zeit zu Zeit eigene Wege geht, zumindest an der Fasnet.

Im Jubiläumsjahr 2022 feiern Badener und Württemberger ihre Verbundenheit mit zahlreichen Veranstaltungen. Termine und Informationen zum Stadtjubiläum gibt es unter www.heimatheimatstadt.de.

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