Der Premium-Wanderweg „hochgehlautert“ bietet Wanderspaß ohne touristisches Brimborium. Die Tour beginnt an der Lauter, führt hoch hinauf – und dann noch viel weiter …
Premium-Wanderweg „hochgehlautert“
Start und Ziel: Hayingen-Anhausen, Wanderparkplatz Anhausen in der Nähe der Ölmühle (GPS 48.285233, 9.500693)
Strecke: ca. 11 km
Gehzeit: ca. 4 Stdn.
Höhenunterschied: je 260 m Auf- und Abstieg
Schwierigkeitsgrad: mittel
Infos:www.hochgehberge.de
www.naturerlebnis-hayingen.de
Ursprüngliche, wilde Flüsse in den Alpen sind etwas Wunderschönes und faszinieren durch ihre Urkraft, mit der sie sich ihren Weg bahnen und ungeheure Schottermassen vor sich herschieben. Doch Wildheit definiert sich nicht nur durch unbezähmbare Gewalt. Sie kann auch aus dem Gegenteil heraus leben.
Mal ohne Google
So wie die Lauter, die meist sanft dahingleitet, nicht eilig den geraden Weg nimmt (oder nehmen muss, nach menschlichen Eingriffen). Sie schlängelt sich gemütlich und gemächlich durch saftige Wiesen und zwischen schroffen Felsen durch dichte Wälder. Da hat man vor Augen, was ein Mäander ist, und muss nicht erst im Lexikon oder bei Google nachsehen, was dieses griechische Wort eigentlich sagen will. Die Erklärung folgt dem Wanderer auf Schritt und Tritt, sei es nun auf dem schmalen Pfad im Talgrund oder ganz besonders eindrucksvoll von der Zinne der Ruine Wartstein aus.
Wer den Flussnamen „Große Lauter“ auf der Landkarte oder an Tafeln am Wegesrand liest, wird vielleicht schmunzeln. Es klingt fast wie Hochstapelei, für Schwaben eher untypisch, denn vom einen zum anderen Ufer ist es nie weiter als vier Meter. Vor zehn Millionen Jahren dagegen hätte es sich um ein Understatement gehandelt.
Werbehinweis
Der Titel „Riesige Lauter“ wäre durchaus angebracht gewesen. In grauer Vorzeit fraßen sich nämlich gewaltige Wassermassen von der Alb, die damals noch viel weiter nach Norden reichte, durch das Oberjura gen Süden zur Donau, die ihren Verlauf indes mehrmals änderte.
Die Ur-Lauter musste also flexibel sein und sich dem Kurs des Stroms, der sie aufnahm, anpassen. Sie ist gewissermaßen eine der letzten Überlebenden aus dieser Zeit. Ihre vielen Nebenflüsse sind mittlerweile trockengefallen, die Verkarstung des Mittelgebirges hat dafür gesorgt.
Ein Blick auf morgen
Ungetrübt vom menschlichen Einfluss soll aber nicht nur der Talgrund bleiben: Diese Wanderung führt auch durch eine der Kernzonen des Biosphärengebiets Schwäbische Alb, das 77 Hektar große Gebiet Gieselwald-Heumacher, einer von 123 Bannwäldern im Ländle.
► Mehr über die Wälder im Ländle
Auf Schusters Rappen erlebt man hier, wie „der Urwald von morgen entsteht“. So steht es auf einer Infotafel. Und auch wenn klar wird, dass dies nicht von jetzt auf nachher geschieht, sondern Generationen in Anspruch nimmt – spektakulär ist es allemal.
Seit nunmehr einem Dutzend Jahren verzichtet der Mensch auf jeglichen Eingriff und hält sogar den schwäbischen Ordnungssinn und -drang im Zaum. Wenn ein Baum wegen Krankheit oder Altersschwäche nach Jahrhunderten das Zeitliche segnet, darf er das langsam tun und wird nicht einfach umgehauen, weil er scheinbar nutzlos geworden ist. Selbst im und nach dem Sterben spendet er in gewaltigem Ausmaß Leben: Flechten, Pilze und Moose siedeln sich an, Insekten und Käfer finden Nahrung, und an denen tun sich wieder Vögel gütlich.
So verwundert es nicht, dass gerade auf diesen Abschnitten des Weges das Vogelkonzert nicht enden will. Es trillert und zwitschert (und krächzt auch mal), dass es eine wahre Pracht ist. Die alten Baumveteranen strahlen eine unvergängliche und unzerstörbare Würde aus, auch wenn sie schon kahl inmitten üppig grüner Nachbarn stehen oder schon vermeintlich tot am Boden liegen. Das Naturdenkmal Buchstock auf der Höhe über dem Hofgut Maisenburg strotzt dagegen vor Leben. In die grandiose Gruppe uralter Buchen kann man sich regelrecht verlieben.
Einmal bietet die Wegführung eine Abkürzung an. Wer es irgendwie einrichten kann, sollte dieses Angebot ausschlagen. Der Weg hinauf zum Trauf hat zwar alpinen Charakter und kann durchaus schweißtreibend sein, aber bei der Gesamtlänge von „hochgehlautert“ muss niemand hetzen; immer wieder innezuhalten und die herrliche Natur zu genießen lohnt sich, zum Beispiel, wenn man sich auf dem Gemsfelsen niederlässt, durchatmet und den Dialog zwischen Berg und Tal auf sich wirken lässt. Die bizarren Felsformationen mit ihren kleinen Höhlen wie etwa den Ochsenlöchern sind eine Augenweide.
Burgen-Hüpfen
Wegen der schönen Aussicht haben sich dereinst die alten Rittersleut dort freilich nicht niedergelassen. Ihnen ging es um Sicherheit für sich und ihre Untertanen. Das Lautertal erwies sich als Hotspot für Burgen, zumal es im Hochmittelalter als Grenzland zwischen Staufern und Welfen lag und beide Seiten auf alle Eventualitäten vorbereitet sein wollten. Auf dem relativ kurzen Abschnitt im Mittleren und Unteren Lautertal drängten sich deshalb gleich 15 solcher Anlagen, eine reiht sich an die andere, im Durchschnitt alle anderthalb Kilometer. Kein Wunder, dass auch der Burgenweg des Schwäbischen Albvereins hier verläuft, der etwas prosaischer „Hauptwanderweg 5“ heißt.
Beim „Hochlautern“ warten gleich drei Festungen direkt am Wegesrand. Zwar ist keine im Originalzustand erhalten, doch haben auch oder gerade Ruinen einen besonderen Zauber. Mehr als 800 Jahre hat zum Beispiel die Burg auf dem Wartstein auf dem Buckel. Das Tolle an ihr: Ihr Turm steht noch. Der Blick hinunter ins 150 Meter tiefer liegende unberührte Tal ist atemberaubend, genau wie das Rundum-Panorama auf die grüne Wald-und-Wiesen-Symphonie ringsum sowie auf den Bussen, den „Heiligen Berg Oberschwabens“, etwas weiter hinter der Kette der riesigen Baumlandschaften.
Nicht mal einen Kilometer weiter wartet mit der Ruine Monsberg eine Caspar-David-Friedrich-Stimmung. Manche nennen sie die Burg des Munt – selbiger soll ein Ministerialer der Grafen von Wartstein nebenan gewesen sein. Die Natur erobert nach und nach das alte Gemäuer zurück und sorgt für zusätzliche Romantik. Eine regelrechte Auferstehung erlebt derweil die Maisenburg auf dem letzten Streckenabschnitt. Ihr Ende schien besiegelt, als sie die Bewohner anno 1820 verließen und dem Verfall preisgaben. Die Vorburg überlebte jedoch nicht nur, sondern wurde im 21. Jahrhundert liebevoll restauriert. In der Anlage, von der aus eine vierte Burg in unmittelbarer Nähe, die Schülzburg, zu sehen ist, kann man nun tagen, feiern und seine Ferien verbringen. Zurzeit entsteht in diesem herrlichen Ambiente das Naturhotel „Die Maise“.
Zur Besinnung gehen, nicht kommen
Übrigens: Wer durch das Hofgut wandert, hat gute Chancen, in den saftigen Wiesen die Albschnucken grasen zu sehen, Nachfahren des Wildschafs, des Mufflons. Sie dürfen das ganze Jahr unter freiem Himmel verbringen und erfüllen dabei eine wichtige Aufgabe als Landschaftspfleger. Ihr Fleisch enthält wenig Fett und Cholesterin, aber viel Omega-3-Fettsäure; das sind Pluspunkte in Sachen Gesundheit.
Viel zu sehen und zu erleben gibt es also auf diesen elf Kilometern. Aber auf den idyllischen Passagen, etwa durch das Bärental oder durch die fruchtbaren Felder auf der Höhe beim Erbstetter Kreuz, gibt es Gelegenheit, beim Gehen näher zu sich selbst zu kommen. Aus dem Grün der Hoffnung, aus Wiesen, Feldern und Wäldern, lässt sich neue Kraft schöpfen. Der Abschnitt gehört sicher nicht ohne Grund zugleich zu den Ehinger Besinnungswegen.
► Besinnungs- und Pilgerwege in Baden-Württemberg
Es kann also durchaus sein, dass diese Tour zum Nachdenken über die „Lauter-keit“ anregt. Dank eines ungetrübten und ehrlichen Blicks auf sich selbst – und auf das Schöne und Gute, das in jedem steckt.
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