Ein berühmt-berüchtigtes Narrengericht findet statt. Es gibt kein Entrinnen: Am 23. Februar droht wieder die Wahrheit.

An 364 Tagen im Jahr ist der „Rote Ochsen“ in Ellwangen das, was man einen gutbürgerlichen Gasthof nennt: regionale, saisonale Küche, hauseigene Brauerei, adrette Zimmer. Einmal im Jahr aber löst sich das wohlsortierte Geflecht auf. Ab 20 Uhr abends kann man sich dann nicht mehr bewegen ohne die buchstäbliche Tuchfühlung. Die Gäste brüllen Bestellungen durch den Raum, der Sauerstoffgehalt sinkt, und wenn sich die Tür erneut öffnet, quetscht sich der nächste Besucherschwall hindurch. Kein Zweifel, das ist der Fastnachtssonntag.

Schwarze Männer feiern im Wirtshaus

Jean Claude Winkler/MEIN Ländle

Feucht-fröhliches Finale im Wirtshaus

Dieser eine Tag im Jahr markiert die Wiederkehr eines 169 Jahre alten Brauchs mit dem sonderbaren Namen „Der Pennäler Schnitzelbank“. Hinter der verwegenen sprachlichen Kon­­struktion verbirgt sich ein urwüchsiges, originelles und hintersinniges Spektakel. Seine eigentümliche Choreografie beginnt in der Stadt an der Jagst, sobald es Nacht wird: Die „Schwarze Schar“, eine Prozession schwarz Vermummter, setzt sich in Bewegung. Ihre lodernden Fackeln werfen geisterhafte Schattenspiele an die Häuserwände, Peitschenknall durchschneidet die Stille. Der düstere Tross zieht mit Trommeln und Schellenbaum von Lokal zu Lokal, wo er auf die Honoratioren der Stadt trifft, um diesen eine nicht immer berechtigte, aber in jedem Falle gespannt erwartete öffentliche Abreibung für etwaige Verfehlungen zu verpassen. Dar­auf haben alle nur gewartet.

Meinungen, unverhüllt

Bereits im Jahr 1851 – das Echo der bürgerlichen Revolution von 1848/49 hallte noch nach in Ellwangen –, machten sich die Pennäler, also Schüler des dortigen Peutinger-Gymnasiums, auf, um ihren Lehrern die unbequeme Meinung zu sagen. Damit sie nicht erkannt wurden, hüllte sich jeder in ­einen schwarzen Umhang samt Kapuze, genannt „Domino“ (die Dativform des lateinischen dominus bedeutet „dem Herrn zugehörig“). Um sich nicht durch ihre Stimmen zu verraten, verfassten sie spöttische und sarkastische Strophen, die sie den Beklagten nach Art des Bänkelsangs vortrugen. Nach dem rituellen „Gaudeamus igitur“ („Lasst uns fröhlich sein“) marschierten sie, konsternierte Mienen zurücklassend, weiter zum nächsten Lokal.

 

Schwarze Männer mit bunten Schärpen

Jean Claude Winkler/MEIN LÄNDLE

Trommler und Schärpenträger

Diese Tradition der ambulanten Aufmüpfigkeit, gesät und gewachsen in Ellwangen, ließ sich pflegen, aber nicht unbegrenzt halten. Wurden anno 1851 die sozialen Netze noch mündlich geknüpft, bleibt im Jahr 2020 fast nichts mehr geheim. Umso besser kommt die Art der öffentlichen Schelte der Schnitzelbänkler an. Der Ellwanger Touristikchef Dr. Anselm Grupp beschreibt die leicht zwiespältige Situation: „Der Schnitzelbank zieht jedes Jahr viele Gäste an, die hauptsächlich aus der Region kommen. Aber unsere Kapazitäten sind endlich.“ Der Gaudi tut das bislang keinen Abbruch, denn von der Freude zur Schadenfreude ist es ja bekanntlich nur ein kleiner Schritt.

Narrengericht im "Goldenen Hirsch"

Und so bekommt im „Goldenen Hirsch“ möglicherweise ein Vorstand der örtlichen Bank sein Fett ab, in der „Ratsstube“ ein Innungsmeister, in der „Kanne“ ein bekannt knauseriger Händler, im „Kronprinzen“ vielleicht gar der Pfarrer. Die nervöse Mischung aus Vorfreude und schlechtem Gewissen seitens der Amts- und Würdenträger bringt es gelegentlich mit sich, dass Einzelne versuchen, den Auftritt der „Pennäler“ zu verhindern. Andere wiederum sind verschnupft, wenn sie nicht durch den Kakao gezogen werden, was als unwiderlegbarer Nachweis der Langweiligkeit gilt. Schonung kann niemand erwarten. Vieles bleibt angedeutet, wird aber gerade dadurch für Insider eindeutig.

Schwarzer Mann trommelt in Ellwangen

Jean Claude Winkler/MEIN LÄNDLE

Lautes Trommeln begleitet den Zug.

Zieleinlauf, unkopierbar

Im Laufe der langen Jahre ist eine gut organisierte, fein ziselierte Liturgie gewachsen, deren vollständige Schilderung den Umfang dieses Heftes sprengen würde. So wurde beispielsweise 1951, dank kreativer Mitglieder der „Schwarzen Schar“ und anlässlich des 100. Jubiläums des „Pennäler Schnitzelbank“ der „Orden der Goldenen Sau“ ins Leben gerufen. Diese Auszeichnung wird unregelmäßig, aber umso feierlicher an Persönlichkeiten verliehen, die sich um die Ellwanger Fastnacht verdient gemacht haben. So wurde schon 1952 Anne Fischer bedacht, womit zugleich auch die Gleichberechtigung in Sachen Fastnacht festgeschrieben wurde. Die Grenzen zwischen Brauchtum und Klamauk sind bisweilen fließend, aber der gewachsene originäre Ellwanger „Pennäler Schnitzelbank“ bildet das Kontrastprogramm zum genormten Fasnets-, Faschings- oder Karnevals-Belustigungskarussell, wie es medial gern zelebriert wird.

Schwarze Männer mit Dame

Jean Claude Winkler/MEIN LÄNDLE

Auf dem Podium hat die Dame das letzte Wort.

Und als letztlich un­kopierbar erweist sich das Spektakel spätestens beim Zieleinlauf im „Roten Ochsen“. Die Uhr geht auf Mitternacht zu, das schwitzende Servicepersonal irrlichtert schlangengleich um die überbesetzten Tische, doch die bestellten Getränke werden von frechen Kuttenträgern abgefangen und in einem Zug geleert. Wortführer der schwarzen Meute schmettern Spottverse nach der Melodie „Auf dr schwäbscha Eisabahna“. Lauthals schmettert das Publikum den Refrain zurück. Es ist Fastnachtssonntag in Ellwangen. Der Teufel ist los. Ja, hier irgendwo muss er ja sein.

Genug gerätselt: Was heißt hier eigentlich …?

Der Bedeutung des etwas kryptischen Begriffs „Der Pennäler Schnitzelbank“ nähert man sich am besten vom Ende her: Zunächst hat „Bank“ nichts mit dem Geldinstitut oder der Sitzgelegenheit zu tun. Dahinter steht vielmehr der Bänkelsang mit männlichem Artikel, jene mittelalterliche Frühform der gesungenen Nachrichtenübermittlung mit oft moralisierendem Gehalt. Bei „Schnitzel“ wiederum handelt es sich nicht um Essbares, sondern das Wort geht in diesem Fall auf die Schnitzbänke zurück, an denen Tischler ihre Werkstücke kunstvoll gestalteten oder drechselten. Im übertragenen Sinn werden die Ellwanger Spottverse als gleichermaßen fantasievoll gedrechselt betrachtet. Die „Pennäler“ schließlich besuchten die „Penne“, ein veraltetes Wort für eine höhere Schule. In Ellwangen ist damit das Peutinger-Gymnasium gemeint, benannt nach dem ehemaligen Stiftsdekan Ignatius Desiderius von Peutingen (1641–1718). In der Zusammenfassung bedeutet „Der Pennäler Schnitzelbank“ also die von Oberschülern verfassten und gedrechselten, im Stil des Bänkelsangs vorgetragenen Spottverse.