Bei der „Stunde der Wintervögel“ vom 10. bis 12. Januar haben in Baden-Württemberg mehr als 12.300 Vogelbegeisterte eine Stunde lang den Flugverkehr von Spatz, Kohlmeise und Buchfink vor ihrer Haustüre beobachtet und dem NABU gemeldet. Die große Mitmachaktion hilft dabei, Trends im Vogelreich zu erkennen und zu erklären.

Deutlich weniger Vögel in den Gärten

Bei Kälte und Schnee suchen viele Waldvögel Zuflucht in den Gärten der etwas wärmeren Städte, in denen sie oft reich bestückte Futterstellen vorfinden. Doch weil beides dieses Jahr fehlt, wurden deutlich weniger Vögel in den Gärten gesichtet. Im Südwesten haben sich Finkenvögel wie Buch- und Bergfink, Erlenzeisig und Kernbeißer rar gemacht. „Durch das milde Winterwetter finden die Vögel ausreichend Nahrung außerhalb der Gärten und kommen seltener ans Futterhäuschen, oder sie bleiben gleich im Norden. Tendenziell hat die Zahl der im Januar gesichteten Zugvögel in Baden-Württemberg zugenommen: Einige hundert Bachstelzen, Hausrotschwänze, Mönchsgrasmücken, Heckenbraunellen und Zilpzalpe hielten es nicht für nötig, in den Süden abzureisen“, sagt Dr. Stefan Bosch, NABU-Fachbeauftragter für Ornithologie.

Insgesamt haben in Baden-Württemberg mehr als 12.300 Vogelfreundinnen und -freunde in 8.400 Gärten im Südwesten rund 312.000 Vögel gesichtet und notiert, so die Zwischenbilanz. Die Zahl der Vögel pro Garten im Land liegt mit 37,2 etwas höher als 2019 (36,6) aber immer noch deutlich unter dem langjährigen Schnitt von 39,8 Vögeln je Garten.

Eichelhäher

Dieses Jahr überwintern sehr viele Eichelhäher im Südwesten. Vermutlich aufgrund einer Eichelvollmast fanden sie 2018 ein Überangebot an Nahrung und konnten sich in ihren Brutgebieten in Nordosteuropa sehr gut fortpflanzen. Im Herbst 2019 kamen viele von ihnen zum Überwintern nach Deutschland. Dieser Masseneinflug lässt sich jetzt auch an den Zählungen ablesen: Mit einem Zuwachs von 160 Prozent flatterte der Rabenvogel diesen Winter auf Platz 11 (22 in 2019) und wurde in jedem dritten Garten gesichtet. 

Seidenschwanz

Während der auffällige Seidenschwanz im Osten und Norden von Deutschland deutlich häufiger als sonst gesehen wurde, ist der Einflug der bunten Vögel aus ihren Brutgebieten in Skandinavien und Sibirien in den Südwesten sehr überschaubar. Einige Exemplare sind entlang der Donau über Landshut bis nach Ulm gereist. Zugelegt haben Zuwanderer aus dem Norden wie Gimpel (+69 % zu 2019) und Schwanzmeise (+38 %), was darauf hindeutet, dass sie ebenfalls gute Nahrungs- und Brutbedingungen hatten. Ein deutliches Plus gab es auch bei den Spechtarten. Vor allem der Buntspecht erscheint zunehmend in unseren Siedlungen. Beliebt sind Gärten auch bei anderen Waldvögeln wie dem Kleiber und vielen Meisenarten, darunter Sumpf-, Hauben- und Tannenmeise. Auch Kohl- und Blaumeise haben erneut deutlich zugelegt.

Goldammer und Halsbandsittich

Die Goldammer als typische Feldvogelart verschwindet zunehmend aus der Agrarlandschaft. Sie wird auch als Futterhausbesucher immer seltener, die Zahlen haben sich zu 2019 halbiert. Mit dem Halsbandsittich hat sich dagegen eine Papageienart im Rhein-Neckar-Raum als Brutvogel etabliert. Er ist dort seit vielen Jahren in Parks ansässig. Dieses Jahr wurden schon 370 der Vögel in Gärten gesichtet.

Spatz ist erneut Spitze

Auf das Siegertreppchen der Zählung in Baden-Württemberg flatterte erneut der Haussperling, auf den weiteren Plätzen folgen Kohlmeise, Blaumeise, Feldsperling und Amsel. Die Ornithologen des NABU freuen sich über das Spitzenergebnis für den Spatz. Noch nie waren es bundesweit mehr Haussperlinge seit Beginn der Aktion im Jahr 2011. Offensichtlich kommt diese Art mit den zuletzt sehr warmen und trockenen Sommern gut zurecht. Damit bestätigt sich die leichte Bestandserholung nach Jahrzehnten eines deutlichen Rückgangs. Im Südwesten ging die Zahl der Spatzen dagegen leicht zurück.