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Biotop im Ballungsraum

Zugwiesen bei Ludwigsburg

Zugwiesen-Areal im Biotop im Ballungsraum

Mein Ländle / Claus-Peter Hutter

Auch im Winterhalbjahr lässt sich auf dem Zugwiesen-Areal die Vielfalt der Natur beobachten.

Oft handelt es sich um Natur aus zweiter Hand, angelegt, um dem kanalisierten Neckar wenigstens ein wenig Natur zurückzugeben. Ein Paradebeispiel: die Zugwiesen nahe der Barockstadt Ludwigsburg.

Wenn die Sonne scheint, stehen die Menschen Schlange vor der stählernen Wendeltreppe. Dann zieht es Naturbegeisterte auf ihrer Radtour flussabwärts oder das Neckartal hinauf zum Zugwiesenturm „Storchennest“. Dort lockt auf rund zehn Meter Höhe eine futuristisch anmutende Aussichtsplattform, von der aus Besucher das weitläufige Zugwiesen-Areal überblicken können, um mit dem Fernglas die Vogelwelt zu beobachten. Irgendetwas Gefiedertes flattert, gleitet oder segelt hier immer. Auch von dem Zugangssteg, der sich wie eine Schlange durch eine weite Flachwasserzone windet, gibt es Ausblicke, ebenso von den kleinen Brücken und dem Erlebnispfad. Die Vögel am Himmel sind aber am besten von der Plattform auszumachen.

Mit Claus-Peter Hutter

Der Leiter der Akademie für Natur- und Umweltschutz Baden-Württemberg und ehrenamtliche Präsident der Umweltstiftung NatureLife-International ist Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher zur Umweltbewahrung und zum Verbraucher­schutz. Er hat erfolgreiche Modellprojekte zur Naturbewahrung realisiert und setzt sich für einen unverkrampften Dialog von Wissenschaft, Umweltbildung und Naturschutzpraxis ein. Für seine Verdienste wurde er 2018 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

 

Silberreiher im Biotop im Ballungsraum

Mein Ländle / Alfred Limbrunner

Fliegendes Juwel im Neckartal - die einst seltenen Silberreiher sind auf dem Durchzug wieder häufiger zu sehen.

Gleich mehrere Greifvogelarten fallen darunter auf. Im Frühjahr ziehen Rot- und Schwarzmilane von Süden kommend das Neckartal entlang in ihre Brutgebiete. Jeweils zwei, drei Paare bleiben den Sommer über hier und verteilen sich auf Reviere in der Umgebung. „Am gegabelten Schwanz könnt ihr die Milane leicht unterscheiden“, sagt eine Mutter zu ihren Kindern und weist in die Luft. „Die mit dem stark gegabelten Schwanz sind Rotmilane; die mit schwächerer Gabelung Schwarzmilane.“ Im Hintergrund kreisen Bussarde, die meist Anfang Februar mit der Balz beginnen. Mit etwas Glück entdeckt man neben den fast immer präsenten Turmfalken auch Wanderfalken. Seit einigen Jahren teilen sie sich die Brutplätze an dem mächtigen Muschelkalkfelsband, oberhalb der Weinberge gegenüber, mit einer Uhufamilie – in gebührendem Abstand versteht sich.

Auf lehrreichen Pfaden

Ein Lehr- und Naturentdeckungspfad leistet einen Beitrag zum Naturverständnis und zur Umweltbildung und verbindet Lebens­räume von Remseck über Ludwigsburg bis ­Benningen. Wer mehr wissen will, kann Touren bei den von der Umwelt­akademie Baden-­Württem­berg qualifizierten Neckar­guides und den ebenfalls geschulten Zugwiesenguides buchen. www.landschaftsfuehrer.info

Mit Wasservögeln auf Du und Du

Am Geländer des Beobachtungsturms hängen anschauliche Tafeln mit Zeichnungen der wichtigsten Vogelarten; sie erleichtern die Bestimmung. QR-Codes führen zu weiteren Informationen, sogar Fotos und Filme sind abrufbar. Davon angeregt, beginnt mancher selbst, Graureiher, Nachtreiher und die dann und wann durchziehenden Silberreiher mit der Kamera einzufangen. Längst hat sich die Tierwelt an die Besucher gewöhnt. Sofern diese sich an die Wege, Stege und die Plattform halten, ist die Fluchtdistanz gering. Die anscheinend regungslos auf Beute lauernden Graureiher sind daher ein gewohnter Anblick. Ebenso die stolz wirkenden Höckerschwäne und die Graugänse, die in größeren Gruppen das Wasser durchpflügen oder auf den Uferwiesen grasen. Sie haben in den letzten Jahren Konkurrenz bekommen. Wie überall entlang des Neckars haben sich auch in den Zugwiesen die Nilgänse explosionsartig vermehrt. Sie sind zwar prächtig anzuschauen, benehmen sich aber gegenüber anderen Wasservögeln äußerst aggressiv.

Faszinierende Vogelwelt im Biotop im Ballungsraum

Mein Ländle / Claus-Peter Hutter

Faszinierende Vogelwelt: (von oben) Nachtreiher, Graureiher und die aggressiven Nilgänse
Faszinierende Vogelwelt im Biotop im Ballungsraum

Mein Ländle / Claus König

Faszinierende Vogelwelt: (von oben) Nachtreiher, Graureiher und die aggressiven Nilgänse
Faszinierende Vogelwelt im Biotop im Ballungsraum

Mein Ländle / Cluas-Peter Hutter

Faszinierende Vogelwelt: (von oben) Nachtreiher, Graureiher und die aggressiven Nilgänse
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Die Stock-, Knäk- und Krickenten sowie Blässhühner, Teichhühner und Wasserrallen hier haben Glück gehabt. Das rund 18 Hektar große Refugium bietet vielerlei ökologische Nischen. Flachwasserzonen, Inseln, Schlammbereiche sowie schnell und langsam durchflossene Bereiche fügen sich mit ruhigen Wasserflächen und Gehölzzonen zu einem bunten Naturmosaik – ein Naturmosaik, das gerade einmal zehn Jahre alt ist. Immer wieder staunen Besucher, wenn sie -hören, dass die Zugwiesen gewissermaßen Natur aus zweiter Hand sind. Als der Neckar durch die Kanalisierung Mitte des vorigen Jahrhunderts seiner ursprünglichen, wilden Natur beraubt wurde, gingen Kies- und Sandbänke, Inselbereiche und feuchte Uferwiesen verloren. Nur noch zwei Prozent des 367 Kilometer langen Flusses gelten heute als naturnah.

Zugwiesenturm im Biotop im Ballungsraum

Mein Ländle / Eva Grubmiller

Den futuristisch anmutenden Zugwiesenturm krönt symbolisch die stählerne Unterlage für ein Storchennest.

Artenarmut – das war einmal

Wo heute bei Ludwigsburg-Poppenweiler im Frühjahr und Sommer die See- und Teichfrösche mit Nachtigall, Mönchsgrasmücke und Zaunkönig ein vielstimmiges Naturkonzert aufführen, gab es zuvor nur eine eintönige Grünlandfläche. Grün zwar, aber überdüngt und deshalb artenarm. Weil das Gelände hinter dem Uferdamm jedoch tiefer als der kanalisierte Neckar lag, reifte schon Mitte der 1990er-Jahre die Idee für ein knapp 18 Hektar umfassendes Naturschutz-Großprojekt heran; als Ausgleich für den geschundenen schwäbischen Fluss. Die Idee ist das eine, die Umsetzung immer das andere; so dauerte es nahezu ein Jahrzehnt, bis nach zähem Ringen die Stadt Ludwigsburg endlich die Flächen erwerben und die Pläne in die Tat umsetzen konnte. Der Kampf hat sich gelohnt. Nach einer Investition von rund 8,5 Millionen Euro entstand nicht nur ein Raum für eine reiche Artenwelt, sondern auch ein Naherholungsareal und ein Gewässerparadies, mit dem sich heute viele Menschen identifizieren. Neben den Wasserbereichen, Inseln und Sumpfzonen ist ein 1,7 Kilometer langes Umgehungsgerinne ein weiterer wichtiger ökologischer Baustein des Geländes. Längst von den Einheimischen „Zugwiesenbach“ getauft, ermöglicht das Gewässer den Fischen, die Schleuse Poppenweiler zu umgehen und flussaufwärts zu wandern. Ein Musterbeispiel, das für andere Schleusen Vorbild sein sollte. Durch geschickte Planung und Bauausführung fließt das Umgehungsgewässer mal schnell und mal langsam. So konnten sich hier rasch viele Fischarten ansiedeln, darunter Barbe, Nase, Ukelei, Rotauge, Döbel, Hecht und Zander.

Dass sich die Investition in die Natur gelohnt hat, zeigen Fauna und Flora ebenso wie die vielen Tausend Besucher, die alljährlich zu Fuß oder mit dem Rad vorbeikommen. Die Zugwiesen sind ein ökologisches Highlight mitten im Ballungsraum, das die dort ohnehin romantische Talaue wieder bereichert – und wenn die Sonne scheint, stehen die Menschen Schlange vor der Wendeltreppe.

Landschaftsbild Biotop im Ballungsraum

Mein Ländle / Claus-Peter Hutter

Natur- und Kulturmosaik auch neckarabwärts: die Felsengärten zwischen Hessigheim und Besigheim

50 Kilometer Natur und Kultur: Der Neckartal-Radweg

Der „Einstieg“ ist überall möglich. Ganz egal, ob man sich nur auf eine zehn Kilometer lange Kurztour begibt, einen Tagesausflug unternimmt oder gar einen mehrtägigen Radelurlaub. Nahezu steigungsfrei und stetig berg­­ab geht es vom Neckarursprung bei Villingen-­Schwenningen bis ins romantische Heidelberg. Dieser 250 Kilometer lange Radfernweg eignet sich auch für Radel­anfänger und Familien mit Kindern.
 
Der Neckar ist zunächst ein kleines Bächlein, das unterwegs zum breiten, von Schiffen genutzten Verkehrsweg wird. Er fließt an Burgen und Schlössern, an Wäldern und steilen Wein­bergen, an großen Städten und Indus­triehäfen vorbei. Wer von der Quelle bis zur Mündung des Neckars in den Rhein bei Mannheim radelt (etwa 366 Kilometer), erlebt die unterschiedlichsten Seiten des Neckars. Und dazu zahlreiche hübsche Orte mit verwinkelten Gassen und herausgeputzten Fachwerkhäusern.

Die Tour beginnt am Quellstein des Flusses, der aus dem Hochmoor im Naturschutzgebiet Schwenninger Moos gespeist wird, und die ersten Kilometer begleitet man einen schmalen Bach. Erst ab Rottweil gewinnt der Neckar an Umfang und fließt Richtung Norden in einem Tal, das zwischen den Höhen der Schwäbischen Alb und des Schwarzwaldes liegt. Interessante Städte wie Tübingen, Esslingen, Stuttgart, Ludwigsburg und Heilbronn bieten sich für Besichtigungen an. Unterwegs wechseln sich weite Auen und enge Täler ab, und wenn man Plochingen erreicht hat, begleiten auch Schiffe die Fahrt. Immer wieder hat man beim Radeln die Reben im Blick: Rund 2000 Kilometer Trockenmauern stützen allein zwischen Esslingen und Gundels­heim die steilen Rebhänge. Ab Bad Wimpfen führt der Radweg immer weiter hinein in den Odenwald. Geschichtsträchtige Burgen und Schlösser säumen den Weg bis nach Heidelberg, wo man vom berühmten Schlossberg aus den Blick auf den Neckar genießen kann.

► Neckartalradweg - Von der Quelle bis zur Mündung