Man nutzt den Jahreswechsel als Motivation, endlich etwas zu ändern. Aber das neue Jahr steht nicht nur für Neuanfänge, sondern auch für kulinarische Highlights, Aberglaube und heimische Traditionen.

In Baden-Württemberg weit verbreitet ist das sogenannte Neujahrsgebäck. Dieses Hefegebäck gibt es in der Form von Brezeln, Kränzen, Hörnchen oder Männlein, die allesamt zu den sogenannten „Gebildbroten“ (Sinn- und Bildgebäck) gehören. Es gibt sie als salzige und süße Variante, mit Zöpfen und Schnörkeln verziert oder mit Rosinen bestückt. In manchen Orten gibt es sogar noch den badischen Brauch, Geldstücke in den Teig einzubacken. Wann das Neujahrsgebäck gereicht wird, ist unterschiedlich: zum Glühwein am Silvesterabend, zum Sekt um Mitternacht oder am Neujahrsmorgen. Es gibt diverse Überlieferungen, warum wir diese Leckereien um Neujahr essen. Eine ist, dass wir uns mit jeder Menge Süßspeisen für die kommende Fastenzeit wappnen. Die andere, dass die bösen Geister davon naschen und besänftigt werden können.

Gerade Brezeln sind eine beliebte Form des Neujahrsgebäckes, weil sie ohne Anfang und Ende Unendlichkeit symbolisieren und somit als ein Glücksbringer gelten. So ist es auch nicht verwunderlich, dass es das sogenannte Neujahrsbrezelschießen gibt; wie in Heitersheim, in der Ortenau, Hechingen oder Bad Teinach-Zavelstein.

Es geht ums Geld

Althergebracht ist die Annahme, dass am 31. Dezember Linsensuppe und Sauerkraut gegessen werden sollen. Jede Linse steht dabei für eine Geldmünze und die Menge des Sauerkrauts im Topf gibt die Geldmenge fürs kommende Jahr an. Auch Fisch, besonders Hering, zählt zu den beliebten Gerichten in der Silvesternacht. Heutzutage vor allem, weil man Fisch nachsagt den Kater zu reduzieren. Ein weiterer Neujahrs-Fisch ist der Silvesterkarpfen. Übermittlung zufolge soll man sich eine Schuppe in den Geldbeutel stecken, damit es im Folgejahr nicht an Geld mangelt. Es gibt aber auch Überlieferungen, die vom Essen von Fisch abraten. Laut Papst Silvester I., übrigens Namensgeber des Feiertags, ist es nicht ratsam an Silvester Fisch zu essen. Er hat den Ruf, dass alle seine Feinde und Ungläubige an Gräten erstickten.

Zwei Marzipanschweinchen

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Schwein gehabt

Seit jeher gilt das Schwein als ein Tier des Glückes, der Stärke und des Wohlstands. Deshalb wird auch traditionell ein Schwein an Neujahr serviert. Am besten noch mit einem Glückscent im Mund. Auch wenn das so nicht mehr zelebriert wird, gibt es zumindest das Schwein aus Marzipan oder als Hefegebäck in dieser Haltung. Ein weiterer Beleg für das sogenannte Glücksschwein ist die Tatsache, dass Schweine auf der Mitte der Zielscheibe abgebildet wurden. Wurde das Schwein getroffen, hat man gewonnen und hat somit Glück oder „Schwein gehabt“.

Viel Aberglaube zum Jahreswechsel

Ein Brauch, den man gerade in kleineren Dörfern im Südwesten noch finden kann, besagt, dass man in der Neujahrsnacht keine Wäsche waschen soll, um die bösen Geister nicht zu verärgern. In den so genannten Raunächten – das sind die 12 Tage nach dem 25. Dezember – sind die Gesetze von Leben und Tod angeblich aufgehoben und die Geister bewegen sich frei umher. Auch aufhängen soll man die weiße Wäsche nicht, da sich die Geister beim Umherirren darin verfangen können. Sie werden dann zornig und rächen sich vielleicht. Eine andere Überlieferung sagt, dass dies den Tod eines Verwandten zur Folge haben kann.

Böse Geister, die ausgetrieben werden sollen, können sich an den Leinentüchern festhalten und verfolgen den Besitzer dann im nächsten Jahr. Ebenso kann die Wäsche im Haus von den Reitern der sogenannten „wilden Jagd“ – dem Geisterheer des Göttervaters Wotan – gestohlen werden und findet dann als Leichentuch Verwendung. Die Interpretation ist vielseitig, allerdings haben alle Überlieferungen etwas mit Geistern und Tod zu tun.

Auch das allseits beliebte Silvesterfeuerwerk lässt sich im entfernten Sinne auf die Geister zurückführen. Während man im Mittelalter mit Kochtöpfen, Rasseln und Rätschen durch die Straße zog – ab etwa dem 10. Jahrhundert dann auch durch das Läuten der Kirchturmglocken – , um mit lautem Getöse die bösen Geister zu vertreiben, macht man das heute mit Böllern, Knallern und vielen bunten Farben. Je lauter und leuchtender, desto besser!

Warten auf Mitternacht

Einen Blick in die Zukunft bietet das Bleigießen, auch ein lustiger Programmpunkt, um die Zeit bis Mitternacht zu vertreiben. Je nachdem, welches Symbol gegossen wurde, wird interpretiert und analysiert, was es bedeutet und so vorausgesagt, was einem im kommenden Jahr bevorsteht. Bisher gab es die Sets zum Bleigießen in jedem Supermarkt, aber durch einen EU-Beschluss wurde das nun verboten. Als beste Alternative gilt das Wachsgießen, das in seiner Grundfunktion identisch ist: flüssiges Wachs in kaltes Wasser schütten, dann erstarrt es.

"Dinner for One" am Staatstheater Karlsruhe

Staatstheater Karlsruhe/Markus Kaesler

Same procedure as last year?

„The same procedure as last year, Miss Sophie?“ Das Dinner an Silvester ist für alle und doch nur für einen, denn auch das „Dinner for One“ ist aus vielen Wohnzimmern im Land nicht wegzudenken. Auch wenn der Sketch eigentlich gar nicht für den 31. Dezember, sondern mehr als Pausenfüller gedacht war, wird er seit 1972 zu jedem Jahreswechsel gezeigt. Inzwischen braucht es sogar keine Englisch-Kenntnisse mehr, denn man kann sich den Klassiker auch in der jeweiligen Mundart anschauen: So findet sich auf youtube die schwäbische Version „Vesper für Oin‘“, Comedian Christian „Chako“ Habekost hat sich Miss Sophie und James auf (kur-)pfälzisch  angenommen, in Freiburg spricht der trinkfeste Butler auf alemannisch dem Alkohol zu und am Karlsruher Staatstheater gibt’s seit 2012 eine Bühnenfassung zu sehen – zwar in hochdeutsch, aber dafür mit viel Musik.

Sportlich oder musikalisch ins neue Jahr

Am Bodensee wird noch eine andere Tradition gehegt. Dort findet 2018 das mittlerweile 46. Silvesterschwimmen in Konstanz statt. Diese Veranstaltung wurde von der DLRG ins Leben gerufen, die auf ihr Ehrenamt aufmerksam machen wollte. Seither ist es ein europaweit beliebtes Spektakel, an dem 2017 um die 200 Schwimmer teilgenommen haben. Am Grötzinger Baggersee im Raum Karlsruhe, findet das Schwimmen an Neujahr statt. 2018 wurden dort 83 Teilnehmer von 180 Zuschauern frenetisch angefeuert.

Start des Hohenloher Silvesterlaufs

SpVgg Hengstfeld

In vielen Städten und Gemeinden Baden-Württembergs geht es etwas trockener zu: dort finden Silvester- und Neujahrsläufe statt. In Heddesheim an der Bergstraße zum Beispiel der inzwischen 29. Silvesterlauf. Dort gibt es gleich vier verschiedene Laufstrecken, die an der Nordbadenhalle enden und mit Speis und Trank, gefeiert werden. Aber nicht nur dort ist man an Silvester läuferisch aktiv: Im gesamten Südwesten gibt es die Möglichkeit, die an den Feiertagen erlangten Pfunde „wegzulaufen“.

Auch das Neujahrssingen gehört zu den regionalen Traditionen, auch wenn es nur noch in wenigen Dörfern oder Einrichtungen umgesetzt wird. Der Ursprung ist auf einen so genannten Heischebrauch zurückzuführen, es ging also darum, mit dem Gesang Gaben zu erbitten. So gab es Brot, Mehl oder Geld als Gegenleistung für das Singen. Heute trifft man sich an Neujahr, um anderen eine Freude zu machen und sich gemeinsam aufs neue Jahr einzustimmen.

E guuds Neies

Wenn es dann endlich Mitternacht ist und das neue Jahr mit offenen Armen begrüßt wird, wünschen sich die Menschen „E guuds Neies“ oder „Prosit Neujahr“. Zweiteres lässt sich auf das lateinische „prodesse“ zurückführen, was mit „nützen“ oder „zuträglich sein“ übersetzt werden kann. Deshalb bedeuten der Ausspruch und auch das vereinfachte „Prost“ in etwa „möge es erträglich sein“ und beziehen sich somit nicht auf das Getränk, sondern darauf, was im neuen Jahr erwartet wird.

Der „Gude Rutsch“, der bei uns als gebräuchlicher Glückwunsch an Silvester und an den Tagen danach gilt, wird frei heraus jedem gewünscht, der einem über den Weg läuft. Dabei kommt das Wort „Rutsch“ vermutlich vom jiddischen Wort „Rosch“, das Anfang bedeutet. Nach der Auffassung geht es also nicht um den Übergang, sondern darum, dass das Jahr einen guten Anfang nimmt – und sich das auch im Laufe des neuen Jahres nicht ändert. Eine andere mögliche Erklärung stellt den Reiseaspekt in den Vordergrund: In Grimms Wörterbuch findet sich die Formel noch nicht, vermutlich kam sie erst um 1900 auf, „(eine) glückliche Rutsch“ - also eine glückliche Reise - kannte man schon bei den Grimms und ab dem 19. Jahrhundert steht der Rutscher oder Rutsch im Volksmund für eine kleine Reise. In dem Sinne bedeutet der Wunsch vom guten Rutsch so etwas wie „kommt gut hinüber“, oder „kommt gut an im neuen Jahr“.

Silvester-Brezel

VankaD/iStock/Thinkstock

So oder so: es spielt keine Rolle, welche Traditionen man an Silvester hegt, ob diese auf alten Bräuchen beruhen oder ob sie neumodische Riten sind. Hauptsache ist, dass man gesund im Kreise seiner Liebsten durch das neue Jahr kommt.