"Umwelthauptstadt Deutschlands“ – diesen Ehrentitel verlieh 1989 der „Spiegel“ nicht etwa einer der Metropolen der Bundesrepublik, sondern einer Kommune mit damals gerade mal gut 25 000 Einwohnern: Radolfzell am Bodensee. Ein halbes Dutzend namhafte Naturschutzorganisationen haben dort ihren Sitz. Und da die Stadt sechs Naturseen umgeben und es im Ländle kein größeres Natura-2000-Schutzgebiet gibt als an Bodanrück, Mindelsee und Untersee, dürfte es eigentlich klar sein: Dort lässt sich auch herrlich wandern.

Video: Naturschutzgebiet Mindelsee

Die „Radolfzeller Runden“ eignen sich hervorragend, um das Vogelparadies auf Schusters Rappen kennenzulernen. Sie sind bestens ausgeschildert, sodass die Wanderkarte überflüssig wird. Die Tourenlängen ermöglichen ein Tempo, das für die Schönheiten am Wegesrand die gebührende Zeit lässt. Und wer will, kann sich sogar zwei Touren an einem Tag vornehmen, denn auch die Höhenunterschiede halten sich in Grenzen. Gerade mal 30 Höhenmeter sind es zum Beispiel bei der (leichten) Mindelsee-Runde. Acht Kilometer weist die „offizielle“ Streckenstatistik aus, und wer einen Abstecher nach Möggingen macht oder den Zuweg von dort wählt, bürdet sich vielleicht 1.500 Meter mehr auf, aber die lohnen sich.

Vogelschutz-Historie

Das Wasserschloss dort besitzt nämlich für den Vogelschutz in Deutschland eine geradezu historische Bedeutung. Das hat mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun: 1944 wurde die weltberühmte Vogelwarte in ­Rossitten auf der Kurischen Nehrung – die erste ornithologische Forschungsstation überhaupt – aus Furcht vor den heranrückenden sowjetischen Truppen geschlossen. Man floh Richtung Westen, mit der Bibliothek und wissenschaftlichen Materialien im Gepäck.

Die Suche nach einem neuen Quartier fand in der Nähe des Bodensees ein Ende: Schlossherr Nikolaus von Bodman war selbst Ornithologe und bot seinen Kollegen aus Ostpreußen in Möggingen Asyl; für sie hatte er bei der Süddeutschen Vogelwarte und der Beringungszentrale für Baden und Württemberg schon 17 Jahre gearbeitet. Die Vogelwarte Radolfzell gehört seit 2019 zum Konstanzer Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie und genießt unter den Ornithologen rund um den Globus einen exzellenten Ruf.

Bachlauf von Büschen gesäumt

MEIN LÄNDLE, Jürgen Gerrmann

Büsche und Bäume säumen die kleinen Zuläufe und Abflüsse des Mindelsees

Vom Eiszeitsee zum artenreichen Sumpfloch

Doch zurück zum Mindelsee. So richtig zu Gesicht bekommt man das Relikt der Würmeiszeit zwar selten, aber seine Geschichte ist trotzdem faszinierend: In der letzten Kaltzeit im Alpenraum hatte eine, sage und schreibe, 900 Meter hohe Zunge des Rhein­gletschers vor rund 110.000 Jahren begonnen, dieses Becken auszuschürfen. Als das Eis vor etwa 15.000 Jahren schmolz, füllte sich die Vertiefung mit Wasser – acht Kilometer lang und bis zu zwei Kilometer breit war dieser „Ur-Mindelsee“, also größer als der heutige Schluchsee (und der ist der zweitgrößte im Ländle).

Uferzone mit schmalem Pfad

MEIN LÄNDLE, Jürgen Gerrmann

Schmale Pfade führen durch die Uferzone

Mit der Zeit verlandete er; zum Teil auf natürlichem Wege, zum Teil aber auch durch „Verbesserungsmaßnahmen“, die schon im Mittelalter starteten, mit dem Ziel, den Wasserspiegel zu senken, um mehr Wiesen und Felder zu schaffen. Bis vor gut 100 Jahren diente das Umland noch der Torfgewinnung; in alter Zeit dominierte die Nutzung der Landschaft, der Sinn für Ästhetik oder gar der Umweltschutz beschäftigte kaum jemanden. Das heutige Naturparadies galt daher lange lediglich als „Sumpfloch“. 

Bedeutendes Naturschutzgebiet

Aber genau darin wurzelt auch der Zauber dieser Landschaft: Die Versuche, dem See nutzbares Land abzugewinnen – heute ist er nur noch etwa ein Viertel so lang und breit wie ursprünglich –, führte zu einer Vielfalt an Lebensräumen auf engem Raum. Die unbebauten Ufer ähneln Szenerien in Schweden oder in den polnischen Masuren. Kein Wunder also, dass dieses Naturschutzgebiet bereits 1938 ausgewiesen wurde und mithin, ebenso wie die nahe Mettnau auf der Landzunge im Bodensee bei Radolfzell, zu den ältesten und bedeutendsten in Deutschland zählt.

Wasservögel am Mindelsee

MEIN LÄNDLE, Jürgen Gerrmann

Für Europas Wat- und Wasservögel ist der Mindelsee ein ganz bedeutender Lebensraum –entweder zum Brüten, als Rastplatz auf dem Durchzug oder als Dauer-Domizil.

Zudem gehören die 459 Hektar seit 1976 zum „International bedeutsamen Feuchtgebiet für Wat- und Wasservögel“. Nirgendwo im Bodenseeraum brüten mehr Vogelarten als hier. Natürlich auch die selten gewordenen Pirole, Neuntöter, Schwarzkehlchen, Drosselrohrsänger und Mittelspechte. Dank sogenannter „Brutflöße“ (im See verankerten Plattformen) siedelte sich auch die Flussseeschwalbe wieder an. Gerade weil der Mindelsee so schwer zugänglich ist, mögen Wasservögel ihn auch in der kalten Jahreszeit: Gefiederte Gäste von weit her lassen sich hier nieder, um sich auf ihrem Zug auszuruhen, zu mausern oder ganz zu überwintern.

Paradies für Artenvielfalt

Im Wasser tummeln sich Welse und Brachsen, Aale und Hechte, Barsche, Rotfedern und Plötze. An den Ufern fühlen sich Wasser- und Springfrosch und der Teichmolch ebenso wohl wie die Ringelnatter. Durch die Luft schwirren so viele Libellen-, Käfer- und Schmetterlingsarten wie sonst nirgendwo im Ländle (40 von der ersten, 600 von der zweiten und 400 von der dritten Gruppe), darunter Helmazurjungfer und Späte Adonislibelle etwa sowie Sumpfschrecke, Blaukernauge und Lungenenzian-Ameisenbläuling.

Zwei Vögel im Schilf

MEIN LÄNDLE, Jürgen Gerrmann

Aus dem dichten Schilf grüßen gefiederte Weggenossen

Auch botanisch ist die Landschaft um den Mindelsee eine Schatzkammer: Auf den Feuchtwiesen und in den Kalkquellsümpfen blühen stark gefährdete Orchideen wie Sommerdrehwurz und Glanzstendel, aber auch Schwalbenwurzenzian, Fettkraut, Breitblättriges Wollgras und Mehlprimel. Frühlingsenzian, Brandknabenkraut und Kleines Knabenkraut bevorzugen indes die trockeneren Wiesen. Die Biologen fanden hier bei Untersuchungen 700 verschiedene Blütenpflanzen sowie Hunderte von Moos- und Algenarten.

Gelebter ­Naturschutz

Seine Stellung als Mekka des Natur- und Umweltschutzes verdankt Radolfzell nicht zuletzt dem Ornithologen Gerhard Thielcke, der vor 61 Jahren an die dortige Vogelwarte kam und später zum Rektor der Uni Konstanz avancierte. 1972 gründete er einen Landesverband des Bunds für Umwelt- und Naturschutz und fand so viele Mitstreiter, dass zwei Jahre später der Bundesverband (abgekürzt BUND) entstand.

Aus dem gingen wiederum die Deutsche Umwelthilfe, die Stiftung Euronatur, die Bodensee-Stiftung und der Global Nature Fund hervor, der sich für den Erhalt der Ökosysteme engagiert und das weltweite Netzwerk Lebendige Seen (Living Lakes) koordiniert. Thielcke ist auch der „Vater“ der Naturschutztage am Bodensee. Der 1899 als Bund für Vogelschutz gegründete Naturschutzbund Deutschland (NABU) betrieb bis vor wenigen Jahren auf der Mettnau ein Naturschutzzentrum; mittlerweile ist es in das neue Bodenseezentrum im Wollmatinger Ried integriert.  

Der NABU – aktiv für Mensch und Natur

Auch politisch war Radolfzell Vorreiter: Dort etablierte sich Ende der 1980er-Jahre eines der ersten Umweltämter der Bundesrepublik. Und engagierte Bürger verhinderten so manches Großprojekt, zum Beispiel eine riesige Freizeitanlage für 10 000 Menschen mit einem Delphinarium. 

Über all dies informiert bis zum 11. Februar 2024 die sehenswerte Ausstellung „Umwelt bewegt. Menschen – Geschichte – Radolfzell“ im Radolfzeller Stadtmuseum.

Auf zu Höhe-Punkten

Wer gern ein paar Höhenmeter sammeln möchte, ist auf der Bodanrück-­Runde genau richtig. Denn die führt von Liggeringen aus zu den höchsten Punkten der Radolfzeller Markung. Auch dieser Molasserücken – ein Höhenzug aus weichem Sedimentgestein, der die beiden „Ärmel“ des westlichen Bodensees voneinander trennt – wurde zum Schutzgebiet deklariert, korrekt bezeichnet als „Grundmoränenlandschaft mit typischem glazialen Formenschatz“. Dazu gehören feuchte Senken und Moore, Magerrasen, großflächige Feuchtgebiets- und Verlandungsabschnitte am Ufer, Flachwasser-, Tiefenzonen und Höhlen.

Durch eben diese Vielfalt der Lebensräume führt die Wanderung. Für ganz Eilige oder auch Familien mit Kindern gibt es eine „Mucke­seckele“-Variante, aber eigentlich sind der Wald und die Wiesen dort zu herrlich, um es bei diesem kurzen Spaziergang zu belassen.

Ziegen auf der Weide

MEIN LÄNDLE, Jürgen Gerrmann

Auf den Wiesen fühlen sich auch muntere Ziegen wohl

Zumal es viele schöne Gelegenheiten gibt, seine Wanderung zu unterbrechen und einfach nur zu genießen, zum Beispiel beim Würstlegrillen auf der Mittleren Wies, einer herrlichen Waldlichtung. Von den Ruhebänken des teilweise parallel verlaufenden Wanderweges „Seegang“ schweift der Blick unter anderem über Bodman und den Überlinger See. Am Hofgut Bodenwald stapfen 20 leibhaftige Bisons über die Weide. Der Waldrand bietet die Aussicht auf Liggeringen, Radolfzell und den Untersee mit der Reichenau.

Und über all dem kreist immer wieder der Schwarzmilan, der hier ideale Bedingungen vorfindet wie Lichtungen, Feldgehölze und Einzelbäume mit großen Kronen für optimale Anflugmöglichkeiten.

Landschaft mit Wanderweg zwischen Bäumen und Wiesen

MEIN LÄNDLE, Jürgen Gerrmann

Auf bequemen Wegen lässt sich die Landschaft ringsum erwandern

In Liggeringen steht einer der letzten von früher Hunderten Torkeln im Bodenseeraum zur Besichtigung. In dem Gebäude aus der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde früher Wein und Most gekeltert. Letzterer spielt auch bei einer weithin berühmten Einkehrmöglichkeit – bei einer Wanderung ja nicht unwichtig – eine große Rolle: Der Kranz, eine über 150 Jahre alte Dorfwirtschaft, gilt wegen seiner Dünnele (andernorts Dinnete oder Flammkuchen) mit verschiedensten Belägen, vom Spinat über den Speck bis hin zu Äpfeln, als legendär.

Auch dieses Tüpfelchen aufs I zeigt: Die Landschaft um Radolfzell ist ein Paradies für Wander-Vögel. Ob mit oder ohne Gefieder.

Karte zum Wegeverlauf Radolfzeller Runde

MEIN LÄNDLE, Wager Archiv

Karte zum Wegeverlauf

Bodanrück-Runde

Start und Ziel: Bushaltestelle Dorfmitte Liggeringen (GPS 47.775010, 9.027530)
Strecke: ca. 8,5 km (Muckeseckele-­Variante mit Start und Ziel am Hofgut Bodenwald 3,1 km)
Gehzeit: etwa 2,5 Stdn. (Variante 1 Std.)
Höhenunterschied: je 200 m Auf- und Abstieg
Schwierigkeitsgrad: mittel

Weitere Informationen finden Sie hier

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