Der Name Schwäbisch Hall ruft viele Assoziationen hervor: Freilichtspiele, gesalzene Geschichte, Mekka der Häuslebauer. So weit die spektakulären Vorderfronten. Mein Ländle hat hinter die Kulissen geschaut.

Kirche St. Michael in Schwäbisch Hall

MEIN LÄNDLE/Jean-Claude Winkler

Sankt Michael mit der Freitreppe - Vorhang auf für Schauspiel und Musical.

Oben auf den 54 Stufen der Freilichttreppe vor Sankt Michael in Schwäbisch Hall geht der fünfte Aufzug von Schillers Drama „Die Jungfrau von Orleans“ in die Schlussszene über. Johanna stirbt und wird angemessen pathetisch mit Fahnen umhüllt. Gutbürgerlicher Beifall rauscht vom Marktplatz unten die Treppe herauf.

Mehr über die Freilichtspiele Schwäbisch Hall

Blick unter einem Baum hervor auf den Marktplatz in Schwäbisch Hall

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Hinter altem Gemäuer kann der Mensch durchaus innovativ sei. Die Schwäbisch Haller beweisen es.

Zur selben Zeit, keine 100 Meter entfernt, klopft ein dünner Mittzwanziger an die verwitterte Holztür des Clubs Alpha 60, in der Linken eine Gitarre. „Kann ich hier mal was vorspielen?“, fragt der Musikus, sobald er durch die Schwaden filterloser Reval und ­Gauloises etwas erkennt. Er kann.

Zwei Stunden später erntet der reisende Barde tosenden Applaus, der auf ihn niederprasselt wie ein warmer Regen. „Wie hoisch’n du eigentlich?“, will die Zuhörerschar voller Begeisterung und Haller Löwenbräu wissen. „Ich bin Hannes Wader“, antwortet der Troubadour. So geschehen Ende der Sechzigerjahre. Für Hannes Wader der frühe Glanzpunkt einer späteren Karriere, für Schwäbisch Hall zugleich eine Schlüsselszene, wie sie nicht besser zu der Stadt am Kocher passen könnte.

Fischbrunnen auf dem Marktplatz Schwäbisch Hall

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Der Fischbrunnen auf dem Marktplatz vor der Kirche St. Michael ist der letzte noch erhaltene Kastenbrunnen in Schwäbisch Hall.

Die Freilichtspiele Schwäbisch Hall, erstmals eröffnet 1925, haben sich längst zu einem Pflichttermin im sommerlichen Kulturkalender entwickelt. Nicht nur, weil die gepflegte Altstadtkulisse rund um Sankt Michael eine grandiose Bühne bietet. Zugleich sind aus den Stammgästen des linksalternativen Clubs Alpha 60, der in seinen Anfangsjahren als „Haschhölle“ etikettiert wurde, treue Dauerabonnenten des Theaterbetriebs erwachsen.

Die gesellschaftspolitischen Gegensätze, wenn sie je welche waren, haben sich an der Haller Theatertreppe aufgelöst. Wie zwei rote Fäden, die sich immer mehr ineinander verzwirbeln, ziehen sich die scheinbar kontroversen Entwicklungen durch die Geschichte von „Hall“, wie die Einwohner ihre Stadt kurz und bündig nennen.

Rathaus im Stadtzentrum in Schwäbisch Hall

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Rathaus, Marktplatz, Bürgerhäuser- Das Stadtzentrum gleicht einer Bühne.

Sparsam, lieb und teuer

Naturgemäß wird auch die lange salzhaltige Tradition hochgehalten: beim alljährlichen Kuchen- und Brunnenfest der Salzsiederzunft, einem volkstümlichen Spektakel, dessen Anfänge ins 14. Jahrhundert zurückreichen. Es gilt als eines der schönsten Heimatfeste im Land und erinnert daran, dass Salz im ­Mittelalter sehr teuer war und den Begriff von „gesalzenen Preisen“ geprägt hat.

Dass andererseits etwas „jeden Heller wert“ ist, geht ebenfalls auf Hall zurück, wo zu Beginn des 13. Jahrhunderts die Münze namens „Haller“ geprägt wurde; ein halber Pfennig seinerzeit.

Türmchen in Schwäbisch Hall

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Die Architektur in Schwäbisch Hall bietet überall schöne Fotomotive.

Wertzuwachs durch geduldige Weitsicht, kombiniert mit sparsamer Lebensführung – konservative Prinzipien, wie sie in Hall zwar nicht erfunden, jedoch in Form und Gestalt durch die Bausparkasse Schwäbisch Hall kultiviert wurden. Die 1931 gegründete Institution mit dem Slogan „Auf diese Steine können Sie bauen“ lief vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg in Zeiten größter Wohnungsnot zur betongewordenen Hochform auf.

Wie viele andere Bausparkassen verhalfen auch die Haller selbst Nichtmillionären zuverlässig zur eigenen Immobilie, dem mythenumrankten „Häusle“, das im schwäbischen Kulturraum selbstredend größer ist als ein schlichtes „Haus“.

Apotheke mit historischem Schild im Fachwerkhaus in Schwäbisch Hall

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Eine alteingesessene Apotheke im Fachwerkhaus: Hier denkt man ganzheitlich und nutzt alle zur Verfügung stehenden Möglichkeiten.
Malerische Gasse mit Fachwerkhäusern in Schwäbisch Hall

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Ein Spaziergang auf einer der malerischen Gassen versetzt in vergangene Zeiten.
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So fügen sich plastische Gegensätze in Hall zur geschichtsträchtigen Einheit ­einer gesellschaftlichen Evolution. Etliche Hippies aus der „Haschhölle“ von einst, dem Club Alpha 60, benannt nach dem 1965 entstandenen Film „Lemmy Caution gegen Alpha 60“ von Jean-Luc Godard, haben sich längst zu finanz- und tatkräftigen Unterstützern der hiesigen Kulturszene zusammengetan.

Kleiner Laden in Schwäbisch Hall

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In der Altstadt von Schwäbisch Hall kann man kleine Läden entdecken.

Dass seit 2011 alljährlich gerade hier das „Gipfeltreffen der Weltmarktführer“ zelebriert wird, ist demnach kein Widerspruch. Die „Hidden Champions“ aus dem Ländle wissen halt, wo sie zuhause sind.

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